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Montag, 14. Oktober 2019
   
 

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Mit dem E‑Bike auf der Seidenstraße

16.000 Kilometer mit dem E-Bike

[pd‑f/tg] Knapp ein Jahr verbrachte Andrea Freiermuth auf dem E‑Bike und legte dabei über 16.000 Kilometer zurück. Die Schweizerin hatte den Traum, als erste Frau die legendäre Seidenstraße von Zürich bis nach Peking per Elektrorad zu bewältigen.

Ihr Ziel hat sie zwar nicht ganz erreicht, aber im Gespräch mit dem pressedienst-fahrrad erzählt sie, warum ein Abweichen vom eigentlichen Plan manchmal sogar Vorteile bringt.

pressedienst-fahrrad: Hallo Andrea, du warst ein Jahr lang quer über zwei Kontinente mit dem E‑Bike unterwegs. Wie lautet dein Fazit zur Radreise mit Strom?
Andrea Freiermuth:
Ich bin selbst überrascht, wie reibungslos und gut es lief. Mein Flyer hat jetzt über 16.000 Kilometer auf dem Tacho. Ich hatte aber nie ein technisches Problem auf der Reise. Der eine oder andere Platten ist selbstverständlich, auch die Bremsbeläge musste ich öfter wechseln. Jetzt ist die Bremsscheibe abgefahren und muss erneuert werden. Aber am Motor gab und gibt es keine Probleme. Mein „Flyerchen“ war ein sehr zuverlässiger Begleiter auf der Tour.

Hattest du mal Probleme, an Strom zu kommen?
Andrea Freiermuth:
Ich habe die einzelnen Etappen oft sorgfältiger geplant, als wenn ich mit dem konventionellen Tourenrad unterwegs gewesen wäre. Weil man auf Strom angewiesen ist, geht vielleicht etwas an Spontaneität verloren. Aber je länger ich unterwegs war, desto entspannter wurde ich in Sachen Nachladen. Ich habe inzwischen meine eigene Theorie entwickelt: Solang man den Asphalt nicht verlässt, gibt es immer Strom – und dann kann man mit dem E‑Bike durchaus eine Weltreise machen. Im Pamir-Gebirge in Tadschikistan war ich sogar länger auf Schotter unterwegs und fand trotzdem immer rechtzeitig eine Steckdose. Viele Reiseradler hatten mich vor der Strecke gewarnt, weil es dort gerade in den abgelegenen Gebieten keine Stromleitungen gibt. Es war natürlich ein Vorteil, dass ich im Sommer im Pamir unterwegs war. So waren die Tage länger und die Temperaturen höher, was den Akkus entgegenkam. Wegen der langen Tage machte es sogar unabhängig vom Nachladen Sinn, in der zuweilen sehr heißen Mittagszeit eine Pause einzulegen. Ich habe mir dann für diese Pausen jeweils ein Restaurant oder einen Laden mit einer Steckdose gesucht. Eine Basic-Infrastruktur gibt es mittlerweile fast überall – und sei es nur ein Dieselgenerator oder Solarpanel. Erstaunlicherweise musste ich während der ganzen Reise bloß einmal auf einen Generator zurückgreifen.

Hast du während dieses Jahres auch eine spezielle Technik entwickelt, wie du die Akkus auflädst?
Andrea Freiermuth:
Es hat sich mit der Zeit eingespielt. So wie man beim eigenen Körper im Auge hat, dass er Energie braucht, so achtet man auch beim E‑Bike immer auf den Akku-Stand. Natürlich ist es bei einer solchen Tour wichtig, eine zweite Batterie dabei zu haben. Mit der Zeit erarbeitet man sich die besten Ladelösungen. Auf dem Pamir-Highway achtete ich darauf, einen Akku nicht komplett leer zu fahren, sondern bei rund 50 Prozent zu wechseln. So konnte ich bei einer Mittagspause beide Akkus gleichzeitig ans Netz hängen – ich hatte zwei Ladegeräte dabei. Selbst Wildcampen über mehrere Tage war so kein Problem. Auf einem Teilstück war ich gemeinsam mit einem Paar aus Österreich unterwegs. Da es fast nur auf Schotter voranging und die Beiden ohne E‑Unterstützung unterwegs waren, fuhr ich im Economy-Modus. Wir legten zwar nur rund 30 bis 40 Kilometer am Tag zurück, aber dafür hielten die Akkus fast 300 Kilometer bis zur nächsten Stromquelle. Ich muss auch gestehen, dass ich für die komplette Tour zwei Sets an Akkus gebraucht habe. Das lag jedoch daran, dass ich meine Tour anders gestalten musste als geplant.

Vor Weihnachten haben wir uns das letzte Mal gesprochen. Damals warst du in Tadschikistan und wolltest zurück in die Schweiz reisen, um dein Visum für China zu holen. Haben sich deine Pläne dann geändert?
Andrea Freiermuth:
Meine Reise wurde komplett auf den Kopf gestellt und stand sogar kurz vor dem Aus. Kurz vor meinem Abflug in die Schweiz erfuhr ich, dass mein eigentlicher Plan, einen Sprachkurs in Shanghai zu machen und dann nach Duschanbe zu meinem Rad zurückzufliegen, nicht funktionieren würde. Ein Double Entry Visum mit Sprachkurs ist für China nicht möglich. Und in Zentralasien bekommt man nur schwer ein chinesisches Visum. Meinen Traum, Peking zu erreichen, musste ich deshalb begraben. Ich war damals ziemlich wütend, vor allem, weil ich die Organisation des Visums von einem Reisebüro habe machen lassen. Der Flug in die Schweiz war auch schon gebucht. Mein Rad wollte ich eigentlich vor Ort einlagern und dann im Frühjahr weiterfahren. Das ging jetzt nicht mehr, und ich brauchte auch noch einen Radkarton für den Flug, der gar nicht so leicht zu organisieren war. Außerdem musste ich die Akkus in Duschanbe lassen, weil sie nicht mit ins Flugzeug dürfen. Alles sehr ärgerlich. Und dann konnte ich die Zeit in der Schweiz gar nicht genießen, weil ich mir immer wieder Gedanken über den Fortgang der Reise machte. Am Ende bin ich Mitte Januar nach Shanghai geflogen und wusste nicht, wie meine Reise weitergehen wird und wo mein Endpunkt ist.

Wie hast du dich dann weiter entschieden?
Andrea Freiermuth:
Nach meinem Sprachkurs in Shanghai fuhr ich zuerst nach Xi’an, dem Endpunkt der historischen Seidenstraße. Von dort ging es weiter Richtung Westen, mehr oder weniger entlang der eigentlich geplanten Route. Am Ende führte mich mein Weg wieder nach Duschanbe. Im Nachhinein muss ich sogar sagen, dass sich diese Routenkombination als die bessere herausgestellt hat.

Inwiefern?
Andrea Freiermuth:
Einerseits, weil ich dadurch den Pamir-Highway angreifen konnte. Wäre ich im April nach Tadschikistan zurückgekehrt, hätte ich eine nördlichere, tiefer gelegene Route mit besserer Infrastruktur entlang der Straße genommen. Trotzdem wäre es wahrscheinlich ziemlich kalt und ungemütlich geworden. Andererseits konnte ich so von der chinesischen Seite aus in die Region Xinjiang einreisen. Deshalb waren die Kontrollen nicht ganz so intensiv wie bei einer Anreise von z. B. Kirgisistan oder Tadschikistan aus. Andere Reiseradler haben mir berichtet, dass auf ihrem Smartphone bei der Einreise nach China eine staatliche App zur besseren Kontrolle installiert wurde. Das blieb mir glücklicherweise erspart.

Warum gibt es gerade dort diese verschärften Kontrollen?
Andrea Freiermuth:
In Xinjiang lebt mehrheitlich die Bevölkerungsgruppe der Uiguren. Diese werden von den Han-Chinesen stark unterdrückt. In renommierten Zeitungen wie etwa der New York Times oder der Süddeutschen Zeitung konnte man über Umerziehungslager lesen, in die manche Uiguren für Monate verschwinden. Das offizielle China streitet die Existenz dieser Lager ab. Zu verstecken gibt es da aber offensichtlich etwas: Reisende, die in diese Region kommen, werden massiv kontrolliert. So musste ich bei der Ausreise am Grenzübergang mein Smartphone entsperrt zur Kontrolle abgeben. Da wurde eine halbe Stunde lang alles durchforstet, was drauf war. Das war schon ein komisches Gefühl. Für mich als E‑Bikerin von Vorteil war jedoch, dass es alle 50 Kilometer einen Polizei-Checkpoint mit Strom gibt. Dort hätte ich bei Bedarf meine Akkus aufladen können. Allerdings sind diese Checkpoints auch mit sehr langen Wartezeiten verbunden. Andere Radfahrer haben mir erzählt, dass sie zum Teil stundenlang warten mussten, bis sie ihren Pass wiederhatten. Man bekommt als Radfahrer an Tankstellen kein Benzin für einen Kocher, und ein Messer darf man auch nicht mitführen. Denn Benzin und Messer könnte man theoretisch für einen Anschlag missbrauchen. Ein gutes Messer gehört zur Grundausstattung eines Radreisenden. Nur mit einem Trick musste ich mein Schweizer Armeemesser nicht abgeben.

Wie ist dir das gelungen?
Andrea Freiermuth:
Ich hatte mich entschieden, mit dem Zug durch diese stromtechnisch einfache, aber politisch schwierige Region zu reisen. Die Bahnhöfe in der Region werden allerdings ebenfalls stark überwacht und Reisende intensiv kontrolliert. Eine Fahrradmitnahme in chinesischen Zügen ist nicht erlaubt; das Rad muss per Kurier extra geschickt werden. Ich versteckte also mein Messer am Fahrrad – und dieses wurde vom Sicherheitspersonal nicht weiter kontrolliert.

Wie hast du China ansonsten wahrgenommen?
Andrea Freiermuth:
Die chinesische Landbevölkerung ist extrem freundlich und nett. In vielen Dörfern war ich der erste Tourist ever. Was mir vor Reiseantritt nicht bewusst war: Radfahrer sind die einzigen Individualreisenden, die ohne Begleitung durch China reisen dürfen. Auto- oder Motorradfahrer müssen einen Reisebegleiter, also eine Art Aufpasser, dabeihaben. Dieser muss aus eigener Tasche bezahlt werden, was auf die Dauer sehr kostspielig ist. Deshalb klappern Touristen nur die Sehenswürdigkeiten ab oder fahren auf vorher festgelegten Routen und bekommen kaum einen Eindruck von den Leuten in den ländlichen Regionen. Mit den Menschen auf dem Land habe ich so viel Schönes erlebt! Auch habe ich über die gute Infrastruktur gestaunt. Die chinesische Regierung arbeitet wirklich an diesem „Chinese Dream“, also am Wohlstand für alle. Das zeigt sich auch in hohen Investitionen für Bildung. Vieles ist positiv in China, davon hört man in den westlichen Medien wenig.

China gilt ja auch als ein Land der Fahrradfahrer. Spielt das E‑Bike dort eine Rolle?
Andrea Freiermuth:
Ich habe kaum ein E‑Bike gesehen. Das Fahrrad ist in China das Gefährt für arme Leute. Wer Geld verdient, der kauft sich einen E‑Scooter. Zwar kommen in den Großstädten jetzt auch Bike-Sharing-Angebot auf, aber der eigene E‑Scooter ist das Gefährt der Wahl.

Noch eine Frage zu den Akkus: Du bist das zweite Mal auch von Duschanbe zurückgeflogen – und hast also insgesamt vier Akkus dort zurückgelassen, sprich etwa 3.200 Euro. Das macht so eine E‑Bike-Reise schon recht teuer, oder?
Andrea Freiermuth:
Ich habe Posts in Overlander-Gruppen auf Facebook gemacht, in denen ich um eine Mitfahrgelegenheit für meine Akkus bat. Mit Erfolg! Zwei Akkus sind derzeit mit einem Paar aus der Schweiz zur mir unterwegs. Das zweite Set nimmt ein deutscher Anbieter für Abenteuerreisen mit, der im August mit einer Reisegruppe durch Duschanbe fährt.

Was hat dir die Reise persönlich gebracht?
Andrea Freiermuth:
Ich glaube, ich gehe etwas entspannter durchs Leben und habe mehr Ruhe gefunden. Ich war in den vergangenen Jahren mit einem hohen Tempo unterwegs, speziell beruflich. Die Reise hat mich entschleunigt. Momentan weiß ich nicht, was kommt, mache mir deswegen aber keine Sorgen. Auf der Reise wusste ich nie, wo ich abends bin. Heute weiß ich nicht, wie und was ich in den kommenden Monaten arbeiten werde. Aber ich bin zuversichtlich, dass es gut kommt und spannend bleibt – gerade auch, weil so vieles ungewiss ist.

Was ist dein Fazit, wenn du auf das vergangene Jahr zurückblickst?
Andrea Freiermuth:
Unseren Wohlstand in Mitteleuropa haben wir uns nicht verdient. Wir sind nicht besser und fleißiger als andere. Wir hatten bloß etwas Glück im 20. Jahrhundert. Reichtum kommt und geht. Das weiß man spätestens dann, wenn man mal die Paläste der Osmanen und der Perser besichtigt hat, beziehungsweise das, was davon übriggeblieben ist. Es kann gut sein, dass wir in 50 Jahren mit Neid nach China blicken. Und ganz wichtig: Es gibt keinen Grund, Angst vor der Welt da draußen zu haben. Egal welcher Religion und Kultur sie angehören, die Menschen sind grundsätzlich gut – und gegenüber Reisenden, die auf einem Fahrrad daherkommen, unglaublich hilfsbereit und gastfreundlich.

Andrea wird am Publikumstag der Eurobike (7. September 2019) einen Vortrag über ihre Reise halten.

Quelle/Foto: www.pd-f.de / Andrea Freiermuth

 


Veröffentlicht am: 28.07.2019

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