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Samstag, 16. Januar 2021
   
 

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Die neu gewonnene Stärke Europas

BARINGS Leitgedanken von Christopher Smart

Christopher Smart, Chefstratege und Leiter des Barings Investment Institute, befasst sich in seinen aktuellen Leitgedanken mit dem zu erwartenden Verhältnis Europas zur neugewählten US-Administration, das von einer überraschenden Stärke Europas gezeichnet sein wird:

Friedrich Nietzsche, Kelly Clarkson und Ursula von der Leyen sind sich einig: Was dich nicht umbringt, macht dich stärker. Der deutsche Philosoph des 19. Jahrhunderts, das amerikanische Pop-Idol und die Präsidentin der Europäischen Kommission haben alle verstanden, dass Widrigkeiten oft die Widerstandskraft stählen und die Entschlossenheit wachsen lassen – wie im Fall der Europäischen Union. Die Entscheidung Großbritanniens, sich zurückzuziehen, wirkte wie der Beginn einer Auflösung des schwerfälligen und oft inkohärenten politischen Projekts. Dann kam mit der Wahl von Donald Trump, der Europa als „Feind“ in Handelsfragen bezeichnete, ein weiterer Schlag. Aber die EU-Institutionen überlebten nicht nur, sie gediehen in den vergangenen fünf Jahren auch unter Druck.

Die Brexit-Verhandlungen sind ein Zeichen für das neu gewonnene Vertrauen Europas. Auch wenn die wechselnden britischen Regierungschefs in ihren unzusammenhängenden Bemühungen um bessere Austrittsbedingungen um sich schlugen, haben die 27 verbleibenden Mitgliedstaaten der EU unerschütterlich an dem Grundprinzip festgehalten, dass Großbritannien nicht aus ihrem Club austreten und die gleichen Vorteile einer Mitgliedschaft erwarten könne. Es besteht die Wette, dass Premierminister Boris Johnson in letzter Minute nachgeben werde, um einen chaotischen Übergang zu vermeiden, der neue Grenzkontrollen, Strafzölle und technische Vereinbarungen über alles von Flugreisen bis zur Verteilung von COVID-19-Impfstoffen erfordern würde.

Europa dürfte sich schon bald der nächsten neuen Herausforderung zuwenden: Einem Amerika, das sagt, es wolle seine Rolle als Führer des Atlantischen Bündnisses zurückerobern, wobei sich Europas Spitzenpolitiker fragen, was das bedeutet.

Erstens ist die EU trotz all ihrer anhaltenden Herausforderungen kohärenter und selbstbewusster geworden. Laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage unterstützen fast zwei Drittel der Europäer die Institutionen der EU.

Zweitens werden die europäischen Staats- und Regierungschefs, auch wenn sie Bidens beruhigende Annäherungsversuche begrüßen mögen, sich bald fragen, wie viel er in den wirtschaftlichen Fragen, die ihnen am meisten am Herzen liegen, leisten kann. So werden die Streitigkeiten über Europas Pläne für eine Digitalsteuer auf US-Technologiefirmen ebenso wenig in einer Welle des guten Willens verschwinden wie Bidens Wahlkampfversprechen, US-Firmen zu ermutigen, Arbeitsplätze zurückzuholen oder „Buy American-Klauseln“ in Regierungsverträgen zu erweitern.

Drittens hat man das Gefühl, dass selbst dann, wenn Biden davon spricht, mit Verbündeten zusammenzuarbeiten, um China zu offeneren Märkten und zum Schutz des geistigen Eigentums zu drängen, dies mit den Interessen Europas nicht immer übereinstimmen wird.

Die transatlantischen Beziehungen dürften sich durch verstärkte Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels oder mehr Pandemie-Koordination erheblich erwärmen und die erste Umarmung wird freundlich und aufrichtig sein. Aber das jahrzehntelange Vertrauen der Nachkriegszeit ist gebrochen. Die Europäer sind skeptischer gegenüber einem Amerika geworden, von dem sie befürchten, dass es sich nach innen gewandt hat. „Wir können nicht zu genau derselben Agenda zurückkehren, die wir vor fünf Jahren hatten“, warnte von der Leyen nach dem Sieg Bidens. „Die Welt hat sich verändert, und mit ihr die Vereinigten Staaten und auch Europa.“ Denken Sie daran, wenn es Sie nicht umbringt ...

 


Veröffentlicht am: 25.11.2020

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