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Sonntag, 22. Oktober 2017
   
 

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Mogelpackung Work-Life-Blending

Warum dieses Arbeitsmodell gefährlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen

Wer im allmorgendlichen Verkehrschaos auf dem Weg zur Arbeit steckt oder irgendwie versucht Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen, hat vielleicht schon öfters über flexiblere Arbeitszeiten und Home Office nachgedacht. Gleichzeitig verändert sich auch unsere Arbeit zunehmend durch die Digitalisierung.

Was bedeutet das für unsere Arbeitsbedingungen? Wird es in Zukunft noch Büros mit Schreibtischen geben oder löst sich alles in Open Office und Desksharing auf? Brauchen wir noch Wecker und Stechuhren oder ist die erledigte Arbeit der Gradmesser und wir arbeiten wann wir wollen? Arbeiten wir von zu Hause oder im Kaffeehaus auf unserem eigenen Laptop oder doch lieber am firmeneigenen Schreibtisch mit Familienfoto und Kaktus?

Professor Christian Scholz hat in seinem neuen Buch „Mogelpackung Work-Life-Blending“, das neue Arbeitsmodell unter die Lupe genommen. Work-Life-Blending bedeutet ein fließender Übergang zwischen Beruf und Privatleben. Ganz praktisch bedeutet das: Berufliches wird auch nach Feierabend erledigt oder die Freizeit gleich mit den Kollegen verbracht. Von Arbeitgebern und Politik wird es als alternativlos gepriesenes Arbeitsmodell deklariert. Die Digitalisierung zwingt zur Flexibilisierung.

Verknüpft mit der Arbeitswelt und Industrie 4.0 bedeutet Flexibilisierung: Wir können arbeiten, wann immer wir wollen, wo immer wir wollen und wie immer wir wollen. Bei schönem Wetter sitzen wir im Garten oder im Straßencafé. Oder nach einer Superbowl-Party, die bis um 5 Uhr am Montagmorgen dauert, schlafen wir lange aus und rufen allenfalls am Nachmittag kurz im Büro an, um mitzuteilen, dass wir auch am Dienstag ausschlafen werden. Endlich können wir alles perfekt unter einen Hut bringen: Handwerkertermine oder die berechtigten Ansprüche von Kindern, von Partnern oder von unseren Freunden.

Doch wer diese an Wünsch Dir was erinnernde Charakterisierung für bare Münze nimmt, der ist bereits in der Propaganda gefangen und auf die Mogelpackung hereingefallen, warnt Scholz. Denn es ist ein gravierender Unterschied, ob wir von einer arbeitnehmerseitigen Flexibilisierungsmöglichkeit oder von einer arbeitgeberseitigen Flexibilisierungsforderung sprechen: Im ersten Fall habe ich die Chance zur Flexibilisierung und kann mir überlegen, wann, wo und wie ich arbeite. Im zweiten Fall verlangt der Arbeitgeber, dass ich mich flexibel verhalte, also alle seine Forderungen bezüglich wann, wo und wie erfülle. Plötzlich bekommt die »Reform von Arbeitszeitgesetzen« als politischer Dauerbrenner eine fatal-andere Bedeutung. Denn worum geht es? Geht es darum, dass Mitarbeiter Wahlfreiheit haben? Oder dass das Unternehmen auch kurzfristige, aber trotzdem bindende Festlegungen treffen darf, denen dann schon mal der Abend oder das Wochenende zum Opfer fällt? Dies  sind vollkommen unterschiedliche Formen der Flexibilisierung, wobei die eine eher in der Propaganda, die andere eher in der Realität vorkommt.

Work-Life-Blending hat eine schöne, hippe Fassade. Kaum jemand wagt es, gegen dieses Modell zu sein, um nicht als rückständig zu gelten. Tatsächlich läuft vieles wie Desk-Sharing, Open Office, Bring your own device  auf ein Infrastruktur-Sparmodell  für den Arbeitgeber hinaus. Und richtig gefährlich wird es für die Arbeitnehmer, wenn sie von Mitarbeitern zu „Cloudworkern“ werden, also im besten Fall gut bezahlten Freelancern oder zu schlecht bezahlten Tagelöhnern oder Clickworkern.

Professor Christian Scholz warnt eindrücklich vor den Gefahren und enttarnt die schicke neue Arbeitswelt als Mogelpackung. Er zeigt, wie wir bewusst durch Arbeitgeber und Politik manipuliert werden. Gleichzeitig plädiert er für eine strikte Work-Life-Separation, mehr Nachhaltigkeit, menschenfreundliche Innovation und zeigt Gegenmodelle auf.

Mogelpackung Work-Life-Blending
Autor: Scholz, Christian
Verlag: Wiley-VCH
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 978-3-527-50928-7

 


Veröffentlicht am: 12.10.2017

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