
Trotz Handelsstreitigkeiten, hoher US-Zölle und geopolitischer Unsicherheiten haben sich die Schwellenländer im vergangenen Jahr als bemerkenswert robust erwiesen.
Auch in diesem Jahr werden die insgesamt stabile Weltwirtschaft, die in weiten Teilen der Welt recht lockere Geldpolitik und der schwächelnde Dollar die Schwellenländer stützen. Der Boom im Bereich der künstlichen Intelligenz birgt zusätzliche Chancen für rohstoffexportierende Länder. Die Risiken resultieren einmal mehr insbesondere aus den anhaltenden geopolitischen Krisen.
Ein Blick auf die Daten bestätigt das robuste Bild: Laut dem IWF konnte das BIP-Wachstum in diesen Märkten im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2024 sogar von 4,3 auf 4,4 Prozent zulegen. Zurückzuführen ist dies auf eine insgesamt stabile Weltwirtschaft, die anhaltende Lockerung der Geldpolitik, einen schwachen Dollar sowie die starken Exporte vieler Schwellenländer.
Schwacher Dollar verschafft geldpolitischen Spielraum
Die deutliche Abwertung des Dollars hat zur Folge, dass viele Schwellenländer ihre in US-Dollar aufgenommenen Schulden nun günstiger bedienen können. Im vergangenen Jahr wirkten sich zudem die weltweit niedrigen Energie- und Lebensmittelpreise positiv aus. Sie trugen insbesondere in Asien zu einem abnehmenden Inflationsdruck bei. Die niedrige Inflation hat die Kaufkraft der Verbraucher gestärkt und den Zentralbanken der Schwellenländer ermöglicht, die Zinsen weiter zu senken. Zusätzlich erweitert wurde der Handlungsspielraum der Zentralbanken durch den schwachen Dollar, da er die Befürchtungen der Währungshüter milderte, niedrigere Leitzinsen könnten zu einer zu starken Abwertung der eigenen Landeswährungen führen.
Verbesserte politische Rahmenbedingungen erhöhen Widerstandsfähigkeit
Zwar haben externe Faktoren zur stabilen Entwicklung der Schwellenländer beigetragen, doch auch die Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen hat die Widerstandsfähigkeit gestärkt. In vielen Schwellenländern hat sich die Umsetzung der Geldpolitik verbessert, sodass sie insgesamt glaubwürdiger erscheint. Die Zentralbanken reagieren weniger stark auf politischen Druck und greifen seltener auf Devisenmarktinterventionen zurück. Dies gilt aber natürlich nicht für alle Schwellenländer. Einige von ihnen haben nach wie vor schwache politische Rahmenbedingungen und eine insgesamt schwierige makroökonomische Lage.
Asien zwischen China-Abkühlung und Produktionsverlagerungen
Insbesondere die asiatischen Schwellenländer haben in den vergangenen Jahrzehnten von den Auswirkungen des anhaltenden Wachstums Chinas und seiner zunehmenden Integration in die Weltwirtschaft profitiert. In den kommenden Jahren dürfte der zuletzt ins Stocken geratene Wachstumsmotor China jedoch weiter an Schwung verlieren. Dies wird das Wachstum in einigen asiatischen Nachbarländern belasten. Der anhaltende Handelsstreit zwischen China und den USA sowie die damit verbundenen Belastungen für den globalen Warenhandel werden ebenfalls dämpfend wirken. Einige asiatische Schwellenländer profitieren jedoch auch davon, dass Unternehmen ihre Produktion oder zumindest ihre Endmontage verlagern, um die hohen US-Zölle auf chinesische Produkte zu umgehen.
Hoffnung auf Zollausnahmen und KI-Boom
Die Zollpolitik Trumps hat zu einer hartnäckig hohen Inflation in den USA geführt. Das sorgt zunehmend für Unmut bei den US-Wählern. Vor den Zwischenwahlen im November könnte Trump die Zölle zumindest selektiv lockern. Bei bestimmten Agrarprodukten hat er diesen Schritt bereits unternommen. Sollten weitere Zollausnahmen folgen, könnte dies für die Schwellenländer, insbesondere in Südamerika, eine gewisse Erleichterung bedeuten. Eine weitere Chance für die Schwellenländer liegt im KI-Boom, der zu einer erhöhten Nachfrage nach Rohstoffen, beispielsweise nach Metallen, führt. Der rasante Ausbau von Rechen-zentren im Zuge der KI-Revolution beflügelt zudem die Nachfrage nach Halbleitern. Diese Nachfrage wird vor allem von den stärker industrialisierten asiatischen Schwellenländern wie Taiwan und Südkorea gedeckt. Das kurbelt die Exporte und damit das Wachstum an.
Die Risiken für die Schwellenländer resultieren vor allem aus der globalen geopolitischen Lage. Während die Lage in den osteuropäischen Schwellenländern nach wie vor stark vom Krieg Russlands gegen die Ukraine beeinflusst wird, bereiten in Asien Chinas wachsende Ansprüche auf Taiwan Sorgen. In Südamerika zeigt das Vorgehen der US-Regierung in Venezuela, dass das Weiße Haus auch vor dem Einsatz militärischer Mittel nicht zurückschreckt und versucht, seine Einflusssphäre in Lateinamerika auszubauen.