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DWS Chart der Woche | Europas späte Infrastrukturwende

Europas Infrastrukturbedarf ist seit Langem bekannt



„Oh je! Oh je! Ich komme zu spät!“, murmelt das weiße Kaninchen zu Beginn von Alice im Wunderland. Nervös blickt es immer wieder auf seine Uhr – fast so, als wartete es an einem deutschen Bahnhof auf den verspäteten Zug. Deutsche Züge sind längst zu einem Sinnbild dafür geworden, was jahrelange Unterinvestitionen für Produktivität, öffentliches Vertrauen und den wirtschaftlichen Alltag bedeuten können.1​

Gerade das macht Schienennetze zu einem guten Beispiel für Europas Chancen und Herausforderungen. Unser Chart der Woche zeigt, dass der alte Kontinent derzeit über einen größeren Bestand angekündigter Infrastruktur-Großprojekte verfügt als Nordamerika. Die Gründe liegen auf der Hand. Mehr Versorgungssicherheit im Energiebereich erfordert Netze, Speicher und zusätzliche Erzeugungskapazitäten. Digitale Souveränität braucht Rechenzentren und die dafür nötige Stromversorgung. Industriepolitik ist auf leistungsfähige Verkehrswege, Häfen und Logistik angewiesen. Und Verteidigungsplanung umfasst zunehmend alle drei Bereiche.

Für Anleger, auch außerhalb Europas, ist entscheidend, ob aus dem lange bekannten Investitionsstau nun tatsächlich finanzierbare Projekte entstehen. Frühe Projekte, etwa öffentlich finanzierte und weithin sichtbare Bahnsanierungen, sind deshalb nicht nur wegen ihrer unmittelbaren wirtschaftlichen Wirkung wichtig. „Europas Infrastrukturgeschichte bewegt sich von der Absicht zur Umsetzung“, sagt Richard Marshall, Head of Infrastructure Research bei der DWS. „Entscheidend wird sein, wie rasch öffentliche Mittel und Planungsreformen aus lange bekannten Bedürfnissen umsetzbare Projekte und Anlagechancen machen können.“

Die Umsetzung bleibt die eigentliche Schwierigkeit. Doch immerhin werden nationale Investitionspläne zunehmend von Reformen begleitet. Sie sollen Genehmigungen beschleunigen und privatem Kapital bessere Voraussetzungen bieten. In Deutschland sollen öffentliche Mittel vor allem in Kernbereiche wie nationale Schienen- und Stromnetze fließen. Zugleich geht es darum, private Mittel stärker in digitale Infrastruktur, erneuerbare Energien und Energieeffizienz zu lenken.

Nach den Verzögerungen und Enttäuschungen der Vergangenheit wird es nicht allen leicht fallen, daran zu glauben. Auch Alice fällt zunächst tief, nachdem sie dem weißen Kaninchen in den Bau folgt. Europas Infrastrukturvorstoß wird über Nacht kein wirtschaftliches Wunderland schaffen. Gelingt er aber, könnte er nicht nur mehr Versorgungssicherheit, saubereren Strom, bessere Netze, zusätzliche Rechenzentren und größere strategische Eigenständigkeit bringen. Er könnte auch etwas weniger Greifbares, aber nicht minder Wichtiges wiederherstellen: das Vertrauen der Anleger, dass Europa aus verspäteten Versprechen wieder glaubwürdige Chancen machen kann.

Quellen:
BMI Infrastructure Key Projects Data, DWS Investment GmbH; Stand 16.06.2026


* Die Analyse umfasst nur angekündigte Infrastruktur- und Großprojekte vor Baubeginn.
** Europa ohne Türkei, Russland, Zentralasien und die Ukraine.
1 Financial Times, June 13, 2026, “Germany’s €100bn bid to make the trains run on time”

 

Veröffentlicht am: 20.06.2026

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