
Monatliche Inflationsdaten schwanken stark. Schon einige wenige kräftige Preisbewegungen können das Gesamtbild verzerren. Ein nützlicher Gegencheck ist daher die Frage, wie weit verbreitet der Preisdruck tatsächlich ist. Unser „Chart der Woche“ zeigt, wie stark sich das Bild seit 2022 verändert hat.
Im September stiegen 12 der 24 von uns betrachteten Teilkomponenten des US-Verbraucherpreisindex um mehr als 0,2 Prozent gegenüber dem Vormonat. Im Zwölfmonatsdurchschnitt lag der Anteil solcher Kategorien bei 51 Prozent. Solche Werte waren vor der Pandemie keineswegs ungewöhnlich. Damals war die Inflation meist deutlich niedriger.
Das ist ermutigend, aber kein Grund zur Entwarnung. Unser Chart gewichtet kleine Teilkomponenten wie Flugpreise genauso stark wie große, etwa Wohnungsmieten. Hinzu kommen kräftige monatliche Schwankungen. Und die Inflationsbreite zeigt zwar, wie viele Bereiche von Preisanstiegen betroffen sind, nicht aber, wie stark die Preise insgesamt steigen. Andere Ansätze versuchen, hartnäckige Inflation von kurzfristigen Ausschlägen zu trennen. Einige blenden etwa Nahrungsmittel und Energie aus (die sogenannte Kerninflation).1) Oder sie schauen auf den Median – also auf die Preisänderung genau in der Mitte der Verteilung.
Unser Chart stellt eine einfachere Frage. Gerade wenn hohe Treibstoffpreise und die Bezahlbarkeit des Alltags die Schlagzeilen bestimmen: In wie vielen Bereichen steigen die Preise wirklich? Seit dem Höhepunkt 2022 ist die Zahl der Bereiche mit kräftigen Preisanstiegen deutlich gesunken. Zuletzt ging sie jedoch kaum noch weiter zurück. „Die Inflation bewegt sich eher seitwärts, als dass sie sich eindeutig wieder beschleunigt“, sagt Christian Scherrmann, Chief U.S. Economist bei DWS. „Das gibt der Fed Zeit, weitere Daten abzuwarten. Eine weitere Straffung der Geldpolitik bleibt aber möglich, wenn der Preisdruck sich wieder weiter verbreitet.“
Twain nannte Belege „die Knochen einer Meinung“2). Die Inflationsbreite liefert einen davon – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dass die Fed solche Zwischentöne ernst nimmt, haben ihre jüngsten Entscheidungen wieder einmal gezeigt.
1) Bryan, M. F. und Cecchetti, S. G. (1994) „Measuring Core Inflation.“ In Mankiw, N. G. (Hrsg.), Monetary Policy. University of Chicago Press, S. 195–219.
2) Twain, M. (1896) Personal Recollections of Joan of Arc, Bd. 1, Buch I, Kapitel 2, „The Fairy Tree of Domremy“.