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DWS Chart der Woche: Die Treibstoffkrise 2022 und ihre Folgen

Aus historischen Gründen zeigen die Benzinpreise rund um die Welt sehr unterschiedliche Muster



Ärger über steigende Benzinpreise hat in den meisten demokratischen Staaten dieser Welt auch immer eine starke politische Komponente.1) Das zeigt auch die jüngste Krise.2) Sie offenbart außerdem einmal mehr interessante regionale Muster in der politischen Handhabung des wichtigsten Energieträgers.

Unser „Chart der Woche“ vergleicht die Einzelhandelspreise für Benzin in den USA, Japan und Deutschland. Zunächst ist erkennbar, dass die durchschnittlichen US-Preise von über fünf Dollar pro Gallone im Juni im internationalen Vergleich keineswegs aus der Reihe tanzen.3) Auffälliger ist da schon der steile Anstieg der Benzinpreise an US-Tankstellen, insbesondere wenn man die Tiefststände in der Anfangsphase der Covid-Pandemie im Frühjahr 2020 als Ausgangspunkt nimmt.

Die Preise sowohl für Rohöl als auch für raffinierte Produkte wie Benzin spiegeln in der Regel Schwankungen von Angebot und Nachfrage weltweit wider. Regionale Lieferstörungen wirken sich dann schnell auf den Weltmarktpreis aus. Als etwa die US-Rohölpreise im April 2020 aufgrund mangelnder Lagerkapazität an einem wichtigen Lieferpunkt in Oklahoma kurzzeitig negativ wurden, wirkte sich dies auf die Öl- und Benzinpreise weltweit aus.4) Dasselbe gilt seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar, der zu Engpässen bei raffinierten Produkten führte.5)

Bei einem so fungiblen Gut wie Benzin ergeben sich nationale Preisdivergenzen vor allem aufgrund unterschiedlicher politischer Rahmenbedingungen, insbesondere bei der Besteuerung der Kraftstoffe.6) In der industrialisierten Welt sind die USA mit ihren niedrigen Benzinsteuern von zuletzt knapp über zehn Prozent der klare Ausreißer.7) Dagegen machten Abgaben unterschiedlicher Art in Ländern wie Deutschland historisch nicht selten mehr als die Hälfte der Preise an der Zapfsäule aus.8) Allerdings dämpfen hohe Steuern auch das Ausmaß der Preisschwankungen und können dazu beitragen, Preisanstiege zu verlangsamen.9) Das liegt zum Teil daran, dass Politiker aller Couleur in jeder Energiekrise versucht sind, auf vorübergehende Kraftstoffsteuerbefreiungen zu drängen. In Deutschland manifestierte sich dies im Sommer in Form des berühmten Tankrabatts. Und Japan griff gar zu Subventionen, um die Preise zu stabilisieren.10) Ökonomen warnen mit gleicher Regelmäßigkeit vor solchen Maßnahmen: abgesehen von der mangelnden Zielgenauigkeit machen Steuersenkungen das Autofahren ausgerechnet dann billiger, wenn hohe Preise Knappheit signalisieren.11) Wenn sie denn überhaupt an die Fahrer weitergegeben werden.12)

Etwas cleverer erscheinen da Maßnahmen, die den privaten Kraftstoffkonsum dadurch zu drosseln versuchen, dass sie den öffentlichen Verkehr erschwinglicher machen. Wenn sie gut konzipiert sind, können selbst zeitlich begrenzte Eingriffe wie Deutschlands Neun-Euro-Ticket helfen, sowohl die akute Inflation zu lindern als auch längerfristig das Mobilitätsverhalten der Verbraucher zu ändern.13) Als man in den 1970er- Jahren den Ölpreisschock gewähren ließ, reagierte die Bevölkerung mit dem Kauf effizienterer Autos, der Reduzierung der Fahrten oder dem Umzug näher zur Arbeitsstätte hin. Auch jetzt scheinen die Verbraucher schon zu reagieren. Dass es etwa in den USA keine neuen Preisschübe inmitten der Hauptreisesaison im Sommer gab, dürfte ein Indiz dafür sein, dass die Bevölkerung trotz aufgestauter Reiselust weniger oft ins Auto gestiegen ist.14) Künftige Studien werden vielleicht einmal auf den Anstieg der Telearbeit und verschiedener Online-Aktivitäten als einen der Gründe dafür hinweisen, warum die Kraftstoffnachfrage selbst in den USA bereits elastischer geworden zu sein scheint.

1) Opinion | What Gasoline Crisis? - The New York Times (nytimes.com)

2) Siehe die folgende Auswahl von zuletzt vorgeschlagenen oder beschlossenen Maßnahmen in den USA, hauptsächlich auf der Ebene einzelner Bundesstaaten: Republicans pressure Newsom to suspend California gas tax as prices surge | Fox Business; Georgia governor suspends gas tax through Sept. 12 | Fox News; No, Lt. Gov. Patrick, Texas shouldn’t suspend the state gas tax (dallasnews.com); Gas prices are soaring. A Biden gas tax holiday won't fix that. (nbcnews.com)

3) Das Gleiche gilt, wenn man auf die US-Treibstoffpreise der letzten zehn Jahre zurückblickt, insbesondere nach Bereinigung um Konsumentenpreisinflation: Gas Station Price Charts - Local & National Historical Average Trends - GasBuddy.com

4) What Happened to Oil Prices in 2020 (investopedia.com)

5) Diesel and gasoline supply crunch sets off sharp rally in crude oil market | Financial Times (ft.com)

6) Petrol prices | The Economist

7) Erstmals 1932 eingeführt, um die Verkehrsinfrastruktur des Landes zu finanzieren. Leider ist er nicht an die Inflation (weder der Baukosten noch des breiteren Verbraucherpreises) gekoppelt und wurde zuletzt 1993 auf 18,4 Cent pro Gallone erhöht. Selbst nach Hinzurechnung verschiedener staatlicher und lokaler Abgaben, Steuern und Gebühren beläuft sich die Gesamtsteuer auf knapp 60 Cent oder etwa 12 % der jüngsten Einzelhandelspreise. Siehe beispielsweise: Gasoline Tax | American Petroleum Institute (api.org); Gasoline and Diesel Fuel Update | U.S. Energy Information Administration (eia.gov)

8) Entwicklung der Preise und Steuern für Benzin in Deutschland bis 2011 | Statista

9) Zur Veranschaulichung siehe: Sprit-Steuerrechner: Welche Steuern enthält 1 Liter Kraftstoff? (mobil.org). Für weitere Details, siehe: Zusammensetzung der Spritpreise | Bundesministerium der Finanzen

10) Japan lowers gasoline subsidy to 37.7 yen/litre | Reuters; Tankrabatt endet: Bald Preis-Explosion an der Tankstelle? (wa.de)

11) Opinion | Reckonings; Gasoline Tax Follies - The New York Times (nytimes.com); Florida Gas Tax Holiday: Details & Analysis | Tax Foundation; „Ein Tankrabatt ist weder effektiv noch treffsicher“ - Institut der deutschen Wirtschaft (IW) (iwkoeln.de)

12) In den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche Beweise dafür aufgetaucht, dass die Preise an der Zapfsäule auf dem Weg nach oben tendenziell viel schneller steigen, als sie auf dem Weg nach unten sinken. Siehe zum Beispiel: Why Gas and Oil Prices Don't Always Move in Sync | St. Louis Fed (stlouisfed.org); Regional Gasoline Price Dynamics (stlouisfed.org); With Monopolistic Competition, Gas Stations Influence Price (econlife.com); Für eine faszinierende Erklärung dieser Ergebnisse, siehe: Yang, H. and Ye, L. (2008) "Search with learning: understanding asymmetric price adjustments," RAND Journal of Economics, RAND Corporation, vol. 39(2), pages 547-564, June. Available at: https://ideas.repec.org/a/bla/randje/v39y2008i2p547-564.html

13) Neun-Euro-Ticket: Staat drückt Inflation um zwei Prozentpunkte - Business Insider

14) Opinion | Wonking Out: The Meaning of Falling Inflation - The New York Times (nytimes.com)

 

Veröffentlicht am: 13.08.2022

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