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EZB und Fed folgen zunehmend unterschiedlichen Logiken

... von Enguerrand Artaz, Stratege bei LFDE

Wie erwartet hat die Europäische Zentralbank (EZB) nach ihrer Sitzung am 11. Juni ihren Leitzins um 0,25 % erhöht. Eine Entscheidung, zu der Christine Lagarde voll und ganz stand und mit der sie die Vorstellung einer „vorsorglichen“ Anhebung zum Schutz der „Glaubwürdigkeit“ der EZB widerlegte – eine Darstellung, die jedoch durch die Aussagen anderer EZB-Vertreter relativiert wurde. 

Wie erwartet hat die Europäische Zentralbank (EZB) nach ihrer Sitzung am 11. Juni ihren Leitzins um 0,25 % erhöht. Eine Entscheidung, zu der Christine Lagarde voll und ganz stand und mit der sie die Vorstellung einer „vorsorglichen“ Anhebung zum Schutz der „Glaubwürdigkeit“ der EZB widerlegte – eine Darstellung, die jedoch durch die Aussagen anderer EZB-Vertreter relativiert wurde. 

Die Chefin der Zentralbank zeigte sich zudem sehr besorgt über das Inflationsniveau, obwohl die Kerninflation mit 2,5 % nicht weit vom theoretischen Ziel der EZB entfernt ist. Gleichzeitig ist sie der Ansicht, dass „das Wachstum in der Eurozone nicht ernsthaft gefährdet ist“. Diese Aussage könnte für Aufsehen sorgen, da das Wachstum im ersten Quartal besonders schwach ausfiel und alle Indikatoren darauf hindeuten, dass es im Jahr 2026 kaum über 0,6 % liegen dürfte.

Die EZB setzt ihren Straffungskurs fort

Gefangen in ihrem Dogmatismus steuert die EZB damit auf eine Phase weiterer Zinserhöhungen zu, obwohl aus wirtschaftlicher Sicht kein Handlungsdruck besteht – vielmehr wäre Abwarten geboten. Auf der anderen Seite des Atlantiks stellt sich dagegen fast das gegenteilige Paradoxon ein. Während Donald Trump unablässig Zinssenkungen fordert und einige Beobachter weiterhin mit einer Senkung der Leitzinsen rechnen, schwinden die Argumente für eine solche geldpolitische Maßnahme zusehends. Was das Wachstum angeht, ist die Dynamik der letzten Monate ausgesprochen gut. Das Wachstum bleibt robust, die Investitionen sind dank KI nach wie vor sehr dynamisch und der Arbeitsmarkt gewinnt wieder an Fahrt, wobei immer mehr Teilsektoren davon profitieren. Dieser letzte Punkt ist besonders wichtig, da er nicht nur ein gutes Zeichen für den Konsum ist, sondern auch eines der beiden Mandate der US-Notenbank (Fed) direkt betrifft.

In den USA sprechen die Daten gegen Zinssenkungen

Was die Inflation angeht, so zeigen die jüngsten Zahlen einen deutlichen Anstieg. Dieser ist zwar hauptsächlich auf die Energiepreise zurückzuführen, allerdings auch auf die Beschleunigung des Preisanstiegs bei den Dienstleistungen. Letzteres ist für die Fed weitaus weniger erfreulich. Tatsächlich war die Inflation bei Dienstleistungen während der Phase der geldpolitischen Straffung das Hauptanliegen der Institution. Zudem steht sie nicht in direktem Zusammenhang mit den Folgen des Krieges im Iran. Mit anderen Worten: Die Fed sieht sich gleichzeitig mit einer wieder anziehenden Inflation – selbst ohne Berücksichtigung der Energiepreise – und einem sich wieder beschleunigenden Konjunkturzyklus konfrontiert. In einem solchen Umfeld erscheint eine Zinssenkung nur schwer begründbar. Die Märkte rechnen nun mit einer Anhebung im Jahr 2026. Dennoch ist es sehr wahrscheinlich, dass der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh unter dem Druck des Weißen Hauses darauf drängt, zumindest den Status quo so lange wie möglich beizubehalten.

Die Fed gerät zwischen Konjunktur und politischen Druck


Eine EZB, die ihre Zinsen anhebt, obwohl sie allen Grund hätte abzuwarten, eine Fed, die immer noch auf eine Senkung hofft, obwohl das Umfeld eher für eine Anhebung spricht… Es wäre zu kurz gegriffen, in diesen beiden Widersprüchen lediglich potenzielle Fehler zu sehen. Sie spiegeln vielmehr eine Weltlage wider, in der die Zentralbanken, die seit 2008 mehr als ein Jahrzehnt lang die Weltwirtschaft gesteuert haben, nun mit der Rückkehr der Politik konfrontiert sind.

Die Rückkehr der Politik verändert die Rolle der Zentralbanken


Zunächst ist es die Politik im engeren Sinne, mit dem zunehmend offen geäußerten Willen bestimmter westlicher Regierungschefs – allen voran Donald Trump –, Einfluss auf die Geldpolitik ihres Landes zu nehmen. Dann die Fiskalpolitik mit der Rückkehr struktureller Konjunkturprogramme wie dem von Deutschland im vergangenen Jahr vorgestellten Programm oder einem bevorstehenden Programm in Japan. Und schließlich die Geopolitik mit dem Ausbruch von Konflikten, die erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben können. In einem solchen Umfeld werden die pragmatischsten Zentralbanken – wie es die Fed in der Vergangenheit war – zweifellos Wege finden, ihre Doktrin weiterzuentwickeln. Die dogmatischsten Zentralbanken hingegen, wie die EZB, laufen Gefahr immer mehr Fehler zu begehen.

 

Veröffentlicht am: 17.06.2026

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