Nach mehr als zwei Jahrzehnten als Privatunternehmen ist SpaceX Anfang Juni mit einer Rekordbewertung von annähernd 1,8 Bio. US-Dollar an die Börse gegangen. In den kommenden Monaten könnten OpenAI und Anthropic folgen.
Für Aaron Hussein, globaler Marktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, verdeutlichen diese Börsengänge gleichzeitig auch, wie wichtig der Zugang zu privaten Märkten geworden ist: „Wer heute an die Börse geht, ist meist kein junges Wachstumsunternehmen mehr, sondern ein bereits etabliertes Unternehmen, das sein starkes Wachstum schon vor dem Börsengang vollzogen hat“, sagt Hussein. Anlegerinnen und Anleger sollten daher nicht nur die öffentlichen, sondern auch die privaten Märkte berücksichtigen, da sich dort sehr viel Wertschöpfung konzentriert.
Unternehmen bleiben immer länger privat bis zum Börsengang
Der Börsengang von SpaceX verdeutlicht aus Sicht von Aaron Hussein, wie stark sich der Weg an die öffentlichen Märkte verändert hat. Das 2002 gegründete Unternehmen blieb 24 Jahre lang privat, die Bewertung ist seit dem Börsengang auf über 2 Billionen US-Dollar gestiegen und hat damit zeitweise sogar die Marktkapitalisierung von Amazon übertroffen. Der Umsatz lag beim Börsengang bei 18 Mrd. US-Dollar. Zum Vergleich: Amazon ging 1997, drei Jahre nach seiner Gründung, mit einem Jahresumsatz von rund 0,3 Mrd. US-Dollar und einer Bewertung von weniger als 1 Mrd. US-Dollar (nach heutigem Kurswert) an die Börse. Der Börsengang von Google erfolgte nach sechs Jahren mit einem Umsatz von fast 4,8 Mrd. US-Dollar und einer Bewertung von rund 40 Mrd. US-Dollar, bei Meta war es acht Jahre nach der Gründung mit einem Umsatz von 5,4 Mrd. US-Dollar und einer Bewertung von rund 151 Mrd. US-Dollar. Die Bewertung von SpaceX betrug beim Börsengang mehr als das 40-Fache von Google, nahezu das 12-Fache von Meta und fast das 2.000-Fache von Amazon.
Während des Technologiebooms Ende der 1990er-Jahre ging ein durchschnittliches Technologieunternehmen noch nach weniger als sechs Jahren an die Börse, seitdem hat sich diese Zahl auf zwölf Jahre verdoppelt. „Unternehmen bleiben nicht nur länger in Privatbesitz, sondern treten auch in einem grundlegend anderen Reifestadium in die öffentlichen Märkte ein“, sagt Aaron Hussein. Diese größere Reife zeige sich am Jahresumsatz: „Heute erzielt das durchschnittliche Technologieunternehmen beim Börsengang fast das Dreifache des Jahresumsatzes eines typischen Unternehmens, das in den 1990er-Jahren an die Börse kam“, führt Hussein aus. Damals betrug der durchschnittliche Umsatz — nach heutigem Kurs — noch weniger als 50 Mio. US-Dollar beim Börsengang.
Erhebliche Kapitalbeschaffung an privaten Märkten möglich
Dass heute ausreichend Kapital für die Wachstumsphase außerhalb der Börse verfügbar ist, zeigt das Beispiel Anthropic: Im Mai 2026 nahm das Unternehmen im Rahmen einer Serie-H-Finanzierungsrunde 65 Mrd. US-Dollar auf, woraufhin der Unternehmenswert auf 965 Mrd. US-Dollar stieg.
Die sich verändernde Zusammensetzung der Märkte spiegelt den Trend, länger in privater Hand zu bleiben, wider. Laut einem Bericht von Bain & Company aus dem Jahr 2023 befanden sich 86 Prozent der US-Unternehmen mit Umsätzen von über 100 Mio. US-Dollar weiterhin in Privatbesitz. Die öffentlichen Aktienmärkte weisen trotz ihrer Tiefe und Liquidität mittlerweile fast 30 Prozent weniger Unternehmen auf als noch Ende der 1990er-Jahre.
Verdrängen Mega-Cap-Börsengänge Interesse an anderen Aktien?
Aus Sicht von Aaron Hussein wecken die Mega-Cap-Börsengänge bei einigen Anlegerinnen und Anlegern Bedenken, dass dadurch das Interesse an anderen Aktien „verdrängt“ werden könnte. Hussein sieht drei Gründe, warum sich die Börsengänge nicht negativ auf die Entwicklung von US-Aktien auswirken dürfte.
„Erstens erfolgt die Aufnahme von SpaceX, OpenAI und Anthropic in die wichtigsten Aktienindizes trotz einer kombinierten Bewertung von mehr als 4.000 Mrd. US-Dollar nur schrittweise“, sagt Hussein. Maßgeblich für die Gewichtung sei der Streubesitz, nicht die gesamte Marktkapitalisierung. SpaceX etwa brachte beim Börsengang nur rund 4 Prozent seiner Aktien in den Handel. Hinzu kommen Lock-up-Perioden, in denen frühe Anteilseigner oft erst 90 bis 180 Tage nach dem Börsengang verkaufen dürfen. Bei den zehn größten Börsengängen zwischen 2010 und 2025 lag der Streubesitz am ersten Tag im Schnitt bei 45 Prozent und stieg erst nach sechs Monaten auf rund 80 Prozent. Zweitens würden neu gelistete Unternehmen nicht automatisch ab dem ersten Tag in alle Referenzindizes aufgenommen werden: „FTSE, MSCI und Nasdaq haben ‚Fast-Entry‘-Regeln für eine schnelle Aufnahme von Mega-Cap-Unternehmen bereits nach wenigen Handelstagen, während S&P Global weiterhin zwölf Monate Handelshistorie vor einer Aufnahme in den S&P 500 verlangt“, erklärt Hussein. Drittens hätten viele der Mega-Cap-Unternehmen aufgrund von gegenseitigen Beteiligungen ein Interesse an reibungslosen Börsengängen.
Offen bleibe nach Meinung von Marktstratege Hussein die zentrale Bewertungsfrage, ob die Technologieunternehmen einen Ertrag aus ihren Investitionen erzielten – was wiederum davon abhänge, ob auch Unternehmen außerhalb des Technologiesektors ihre Produktivität und Rentabilität steigern können.
Für Anlegerinnen und Anleger ergibt sich nach Einschätzung von Aaron Hussein eine klare Folgerung: „Um heutzutage die gesamte Bandbreite des Wirtschaftswachstums zu nutzen und bereits in den frühesten Phasen an der Wertschöpfung teilzuhaben, ist es zunehmend erforderlich, sowohl auf öffentlichen als auch auf privaten Märkten präsent zu sein“, erklärt Hussein.