
Der Disney-Klassiker Der König der Löwen hält auch für die US-Geldpolitik eine Botschaft bereit: Was wie das Ende eines Zyklus aussieht, kann der Anfang des nächsten sein. Nach mehreren Zinssenkungen steht die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) vor robustem Wachstum und hartnäckiger Inflation. Lange sorgten sich Anleger vor allem, eine schwächere Konjunktur könnte weitere Zinssenkungen erzwingen. Nun müssen sie auch neue Erhöhungen ins Kalkül ziehen.
Wie unser Chart of the Week zeigt, gehen die Erwartungen von Volkswirten und Märkten auseinander. Der Bloomberg-Konsens unter Volkswirten lässt bis 2027 allmähliche Zinssenkungen erwarten. Die aus SOFR-Terminkontrakten abgeleiteten Sätze steigen dagegen zunächst auf mehr als 4 Prozent, bevor sie wieder sinken. Solche Marktpreise sind keine reinen Prognosen. Sie spiegeln auch den Wunsch wider, sich gegen Überraschungen abzusichern. Dennoch ist der Unterschied bemerkenswert. Volkswirte rechnen mit stetig nachlassendem Preisdruck. Die Märkte gewichten die Möglichkeit stärker, dass die Fed erneut umsteuern muss.
Auf den ersten Blick scheint der Mechanismus einfach. Eine robuste Wirtschaft verringert den Bedarf an vorsorglichen Zinssenkungen gegen eine mögliche Schwäche. Anhaltende Inflationsrisiken halten zugleich neue Erhöhungen im Spiel. Doch warum bewerten Volkswirte und Märkte dieselben Daten so unterschiedlich? Ein Grund könnte die zurückhaltendere Kommunikation der Fed sein. Bietet sie weniger Orientierung, können einzelne Konjunkturdaten die Markterwartungen stärker verschieben als früher. Das wäre mit Forschungsergebnissen vereinbar, wonach Unsicherheit über den künftigen Leitzins die Preise von Vermögenswerten unabhängig von geldpolitischen Überraschungen beeinflusst.[1]?
Volkswirte müssen dagegen in schwankungsanfälligen und häufig revidierten Daten das Signal vom Rauschen trennen. Das zeigt auch der jüngste Arbeitsmarktbericht. „Auf den ersten Blick könnten die kräftigeren Neueinstellungen nach Hakuna Matata klingen: kein Grund zur Sorge“, erklärt Christian Scherrmann, Chefvolkswirt USA bei DWS. „Der Bericht spricht für eine robuste Konjunktur, ohne neuen Inflationsdruck erkennen zu lassen. Das Lohnwachstum blieb moderat. Energiepreise und Zölle beeinflussen die Teuerung jedoch weiterhin. Deshalb dürfte der nächste Inflationsbericht entscheidend dafür sein, ob eine Zinserhöhung gerechtfertigt wäre.“
Die jüngsten Zahlen sind weder ein Fall für Hakuna Matata noch ein klares Signal für eine erneute Straffung. Wie im ewigen Kreis des Lebens gibt es in den Daten mehr zu entdecken, als eine einzelne Veröffentlichung verrät. Solange die Fed wenig Orientierung bietet, kann jede neue Zahl die Märkte auf eine andere Fährte setzen.