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DWS Chart der Woche

Warum Diesel dem Rohölpreis davonläuft



Rohöl bleibt wichtig. Doch beschädigte Raffinerien, niedrige Lagerbestände und gestörte Handelswege bestimmen zunehmend, was Landwirte und Autofahrer zahlen.


Rudolf Diesel ist vor allem für „seinen“ Motor bekannt. Dabei wollte er eigentlich für Größeres in Erinnerung bleiben. In seiner 1903 erschienenen Abhandlung „Solidarismus“ entwarf er eine Ordnung, in der Beschäftigte gemeinsam Kapital ansparen, um Genossenschaften zu finanzieren und Güter selbst herzustellen und zu verteilen.1)​ Heute zeigt sein Kraftstoff, wie rasch Produktion und Verteilung politisch werden.

Wie unser „Chart der Woche“ zeigt, ist der Dieselpreis an Europas Tankstellen über seinen Höchststand von 2022 gestiegen. Brent-Rohöl notiert dagegen noch unter seinem Höchststand von 2022. Beim Diesel bestimmen daher längst nicht mehr nur die Rohölkosten den Preis.

Beschädigte Raffinerien im Nahen Osten und in Russland, gestörte Exporte und höhere Transportkosten haben das Dieselangebot verknappt. Die globale Raffinerieverarbeitung lag im August bei 81,4 Millionen Barrel Rohöl pro Tag und damit rund 4,9 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Zugleich erreichten die Raffineriemargen im Atlantikraum Rekordwerte.2)​ Laut Europäischer Zentralbank stieg der Raffinerieanteil am Dieselpreis im Euroraum von rund 0,10 Euro je Liter vor dem Konflikt auf 0,35 Euro in den ersten drei Juliwochen.3)​

Normalerweise schlagen veränderte Rohölkosten binnen ein bis zwei Monaten auf die Vorsteuerpreise durch. Diesmal erhöhen hohe Raffineriemargen den Druck auf die Verbraucher zusätzlich. Das zeigt sich auch in den Inflationsdaten. Energie verteuerte sich im Euroraum im September um 18,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und trug dazu bei, die Inflationsrate auf 3,8 Prozent zu treiben.4)​

„Der Markt für Ölprodukte ist angespannter als der Rohölmarkt“, erklärt Darwei Kung, Co-Head of Commodities & Natural Resource Equities bei DWS. „Schäden an Raffinerien, niedrige Lagerbestände und schwierige Transportwege können Diesel teuer halten. Entlastung setzt voraus, dass sich Angebot und Handelsströme erholen.“

Auch politisch sorgt die Dieselknappheit längst für Druck, besonders in den USA. In landwirtschaftlich geprägten Bundesstaaten fallen die hohen Kraftstoffpreise vor den Kongresswahlen im November besonders ins Gewicht.5)​ Präsident Trump reagierte, indem er die Beschränkungen für russischen Diesel lockerte und eine Vereinbarung mit Russland über zusätzliche Lieferungen ankündigte. Russland dürfte jedoch kurzfristig kaum genügend zusätzliche Dieselmengen bereitstellen können, um den Markt spürbar zu entlasten.6)​

Rudolf Diesel hoffte, wirtschaftliche Organisation könne politische Probleme lösen. Heute gilt eher das Gegenteil: Die Politik kann Entlastung versprechen. Raffinerien reparieren, Lager füllen und Handelswege öffnen kann sie nicht über Nacht.

1) Diesel, R. (1903) Solidarismus: Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen. München und Berlin: R. Oldenbourg.
2) Internationale Energieagentur (2026) Oil Market Report: September 2026. Paris: IEA, 11. September 2026.
3) Kuik, F., Lis, E., Nickel, C. und Porqueddu, M. (2026) „From well to pump: how fuel prices are formed.“ ECB Blog, 31. Juli 2026.
4) Eurostat (2026) „Euro area annual inflation up to 3.8%.“ Euro Indicators, Schnellschätzung für September 2026, 2. Oktober 2026.
5) Siehe etwa: Silver, N. (2026) „Diesel Prices Could Crush Republicans in the Heartland.“ Silver Bulletin, 22. September 2026.
6) Financial Times (2026) „Can Russia Meet Trump’s Diesel Demands?“ 13. Oktober 2026.

 

Veröffentlicht am: 24.10.2026

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