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Bitcoin lässt eine Zinserhöhung und ein gescheitertes Krypto-Gesetz unbeeindruckt hinter sich

Ein Marktkommentar von Jacob Lindberg, Chief Revenue Officer beim Krypto-ETP-Emittenten Valour


Im September bestand Bitcoin innerhalb von zwei Tagen zwei Belastungsproben und zeigte damit, wie stark sich seine Marktstruktur gefestigt hat. Zunächst scheiterte der Clarity Act im US-Senat. Am darauffolgenden Tag erhöhte die US-Notenbank ihren Leitzins erstmals seit 2023. 

Bitcoin gab nach beiden Ereignissen zunächst nach, machte seine Verluste jedoch jeweils innerhalb einer Woche wieder wett. Diese schnelle Erholung sagt mehr über den Zustand des Marktes aus als der vorangegangene Kursrückgang. Ein Rückgang zeigt, wer zum Verkauf gezwungen ist. Eine Erholung zeigt, wer bereit ist zu kaufen. Werden Verluste innerhalb weniger Tage wieder aufgeholt, ist der Käufer stärker als der Verkäufer. Das ist die Voraussetzung für einen Markt, der schlechte Nachrichten verkraften kann.

Anleger in große US-Bitcoin-ETFs spielten dabei eine zentrale Rolle. Bis Mitte Juli verzeichneten die Produkte Nettoabflüsse von rund 5,7 Milliarden Dollar, während Bitcoin gegenüber seinem Rekordhoch vom Oktober des Vorjahres um mehr als 50 Prozent gefallen war. Die große Mehrheit der Bestände blieb jedoch unangetastet. In der Woche bis zum 25. September flossen den ETFs 2,4 Milliarden Dollar zu, so viel wie in keiner anderen Woche seit Oktober 2025. Damit kehrten die Kapitalflüsse im Jahr 2026 auf Nettobasis in den positiven Bereich zurück. Die Anleger, die verkaufen wollten, haben verkauft. Diejenigen, die geblieben sind, dürften sich wegen einer einzelnen politischen Schlagzeile kaum zum Ausstieg bewegen lassen. Dadurch verlieren Korrekturen schneller an Dynamik.

Das Scheitern des Clarity Act überraschte den Markt daher weniger, als die intensive Medienberichterstattung vermuten ließ. Die Aufmerksamkeit erweckte zwar den Eindruck, ein Durchbruch stehe unmittelbar bevor. Prognosemärkte wie Polymarket hatten dem Gesetzesentwurf jedoch bereits seit mehreren Wochen nur eine geringe Erfolgswahrscheinlichkeit eingeräumt. Bitcoin reagierte, als die erforderliche Mehrheit nicht zustande kam. Ein großer Teil des Risikos war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits eingepreist. Zugleich bedeutet die Niederlage im Senat nicht, dass die Regulierung von Kryptowährungen in den USA zum Stillstand gekommen ist. Die SEC und die CFTC können ihre Regulierungspraxis auch ohne eine Mehrheit von 60 Stimmen im Senat weiterentwickeln. Der große gesetzgeberische Durchbruch verzögert sich zwar, die regulatorische und institutionelle Integration der Anlageklasse schreitet jedoch weiter voran.

Warum der Leitzins nicht der entscheidende Faktor für Bitcoin ist

Auch die Zinserhöhung selbst verursachte weniger Schaden als zunächst befürchtet, denn die Märkte wurden davon nicht überrascht. Für Bitcoin ist der kurzfristige Leitzins jedoch nicht der einzige relevante Faktor. Die Entwicklung der langfristigen Renditen US-amerikanischer Staatsanleihen gewinnt zunehmend an Einfluss.

Das zeigte sich bereits im August. Nachdem das US-Finanzministerium seine Rückkäufe langfristiger Staatsanleihen ausgeweitet hatte, gingen die entsprechenden Renditen zurück und Bitcoin legte deutlich zu. Diese Reaktion bestätigte erneut, dass sich die Kryptowährung wie ein globales Makro-Asset verhält. Sinkende langfristige Renditen erleichtern die Finanzierungsbedingungen, stützen die Liquidität und machen risikoreichere Anlagen tendenziell attraktiver. Sollten die Renditen jedoch erneut stark steigen, könnten sie die Erträge im vierten Quartal belasten.

Dieses Risiko materialisierte sich am 23. September. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg erstmals seit 2007 über die Marke von 5 Prozent. Auslöser waren ein Ölpreis von mehr als 100 Dollar, ein starker PMI-Wert und eine schwache Auktion des US-Finanzministeriums. Bitcoin fiel von 87.000 Dollar auf unter 84.000 Dollar. Am 28. September wurden zudem gehebelte Positionen im Umfang von rund 500 Millionen Dollar liquidiert. Nicht der Leitzins der Fed, sondern das lange Ende des Anleihemarktes gab in der zweiten Monatshälfte den Ton für Bitcoin an.

Die entscheidende Frage für Bitcoin lautet daher nicht, ob der Markt eine einzelne schlechte Nachricht verkraften kann. Das hat er im September bereits gezeigt. Wichtiger ist, ob das makroökonomische Umfeld genügend Liquidität bereitstellt, damit die Nachfrage über ETFs ihre Wirkung entfalten kann.

ETF-Anleger ersetzen Bitcoin-Unternehmen als stabilere Nachfragequelle

Auch die Zusammensetzung der institutionellen Nachfrage nach Bitcoin verändert sich. Strategy, der größte Unternehmenskäufer von Bitcoin, kehrte Ende August nach einer seit Juni andauernden Pause an den Markt zurück. Im September gab das Unternehmen jedoch fast dreimal so viel für den Rückkauf eigener Vorzugsaktien aus, rund 640 Millionen Dollar, wie für Bitcoin, rund 220 Millionen Dollar. Das Unternehmen, das den Bitcoin-Markt über Jahre geprägt hat, konzentriert sich zunehmend auf die Steuerung seiner Bilanz.

ETF-Anleger entwickeln sich zu einer verlässlicheren Nachfragequelle. Im August floss frisches Kapital nicht nur in große Bitcoin-Produkte, sondern auch in börsengehandelte Produkte auf Basis von Ethereum und Solana. Diese Produkte ermöglichen es professionellen Anlegern, neben Bitcoin eine zweite oder dritte Kryptoposition aufzubauen, ohne ein Konto bei einer Kryptobörse eröffnen oder digitale Vermögenswerte direkt halten zu müssen.

BitMine sorgt für zusätzliche Nachfrage nach Ethereum. Seit mehr als einem Jahr kauft das Unternehmen jede Woche Ether und nimmt damit Angebot auf, wenn die Zuflüsse in ETFs vorübergehend schwächer ausfallen. Diese breitere Marktinfrastruktur könnte erklären, warum Ethereum und Solana Bitcoin zuletzt übertroffen haben.

Solana verbindet wachsende Nutzung mit niedrigerer Bewertung

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung bei Solana. In den vergangenen 90 Tagen erzielten Anwendungen auf dem Netzwerk mehr als doppelt so hohe Einnahmen wie Anwendungen auf Ethereum. Gleichzeitig entspricht Solanas vollständig verwässerte Marktkapitalisierung nur rund 22 Prozent derjenigen von Ethereum. Solana erzielt somit höhere Anwendungserlöse, wird aber lediglich mit einem Bruchteil der Bewertung von Ethereum gehandelt. Die Einnahmen aus Anwendungen fließen nicht direkt an die Halter von SOL. Sie zeigen jedoch, wo Nutzer und Entwickler aktiv sind. Diese Diskrepanz garantiert zwar keine steigenden Kurse, eröffnet aber erhebliches Potenzial für eine Neubewertung, wenn das Netzwerk sein Wachstum aufrechterhalten kann.

Aktuelle Handelsdaten stützen diese Einschätzung. Dezentrale Börsen auf der Solana-Blockchain wickelten Berichten zufolge in der Woche vom 14. bis zum 20. September rund 208 Millionen einzelne Transaktionen ab. Zum Vergleich: Die New York Stock Exchange verarbeitete im selben Zeitraum etwa 189 Millionen Transaktionen. Damit hätte eine Blockchain erstmals die NYSE bei der reinen Anzahl der Handelsvorgänge übertroffen.

Die Zahl der Transaktionen sagt allerdings wenig über das gehandelte Kapital aus. Berichten zufolge entfielen rund 57 Prozent der Abwicklungen auf Solana auf eine Memecoin-Plattform und bestanden überwiegend aus kleinen, teilweise automatisierten Geschäften. Solana übertraf die NYSE daher bei der Aktivität, nicht beim wirtschaftlichen Umfang.

Dennoch bleibt diese Entwicklung relevant. Die hohe Zahl kleiner Transaktionen zeigt, dass Solana zunehmend nicht nur als Anlageobjekt, sondern auch als Marktinfrastruktur genutzt wird. Das Netzwerk profitiert von niedrigen Gebühren, kurzen Abwicklungszeiten und dem Handel rund um die Uhr.

Auch die Regulierung spielte eine Rolle. Am 17. September gewährte die SEC eine Ausnahmegenehmigung, die den Handel tokenisierter Aktien auf einer Blockchain ermöglicht. Solana, das wichtigste Netzwerk für tokenisierte Aktien, legte daraufhin zu. Für den Kurs von Solana hatte dies eine größere Wirkung als jede Abstimmung im Senat.

Hyperliquid zeigt die Bedeutung der Integration in regulierte Infrastruktur


Auch das jüngste Rekordhoch der dezentralen Handelsplattform Hyperliquid, HYPE, passt in dieses Muster. Berichte, wonach Payward, die Muttergesellschaft der Handelsplattform Kraken, daran arbeitet, in den USA regulierte unbefristete Terminkontrakte auf Basis der Plattform anzubieten, haben die Erwartungen an HYPE deutlich steigen lassen.

Ein regulierter Vertriebskanal in den USA könnte Hyperliquid für institutionelle Anleger öffnen, die die Plattform derzeit aus rechtlichen Gründen oder aufgrund interner Compliance-Anforderungen nicht nutzen können. Wie bei den ETFs auf Bitcoin, Ethereum und Solana hängt der Erfolg einer Blockchain oder Anwendung daher von mehr ab als von ihrer Qualität. Entscheidend ist auch ihre Integration in die vertraute und regulierte Infrastruktur, die professionelle Anleger nutzen.

Der September machte zwei Verschiebungen deutlich. Erstens verfügt Bitcoin inzwischen über eine Käuferbasis, die politische und geldpolitische Rückschläge wirksamer auffangen kann als in früheren Marktphasen. Zweitens richten Anleger ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf Netzwerke, deren Nutzung schneller wächst als ihre Bewertungen. Solana steht beispielhaft für diese Entwicklung.

Das makroökonomische Umfeld bleibt im vierten Quartal der entscheidende Risikofaktor, da steigende langfristige US-Renditen die gesamte Anlageklasse belasten könnten. Sollte das Zinsumfeld jedoch stabil bleiben, dürften Kapitalzuflüsse, der regulierte Marktzugang und die Nutzung der Netzwerke stärker darüber entscheiden, welche Krypto-Assets den Markt anführen. Bitcoin bleibt der institutionelle Anker. Größere Dynamik könnte jedoch zunehmend jenseits von Bitcoin entstehen.

 

Veröffentlicht am: 12.10.2026

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