^

 

 Suche  | Sitemap  | Mediadaten  | Kontakt  | Impressum  | Datenschutz
       
Donnerstag, 8. Januar 2026
   
 

Fed-Chef: Der mächtigste Job mit der geringsten Macht

Marktkommentar von Violeta Todorova, Senior Research Analyst bei Leverage Shares & Income Shares


Nur wenige Positionen in der Finanzwelt ziehen so viel Aufmerksamkeit auf sich wie der Vorsitz der Federal Reserve (Fed). Da sich die Amtszeit von Fed-Chef Jerome Powell dem Ende zuneigt und Spekulationen darüber ins Kraut schießen, wer ihn ersetzen könnte, fokussieren sich die Märkte erneut auf eine Frage: Wie viel Einfluss hat der Fed-Vorsitzende wirklich? Die Antwort ist: Sowohl „weniger“ als auch „mehr“ als die meisten Anleger vermuten.

Oberflächlich betrachtet scheint der Vorsitzende die mächtigste Wirtschaftsfigur der Welt. Die Märkte hängen an jedem Wort. Anleiherenditen schwanken bei minimalen Nuancen im Tonfall. Eine einzige Pressekonferenz kann den Wert von Vermögenswerten in Billionenhöhe treiben oder zerstören. Dennoch ist diese Institution so konzipiert worden, dass keine einzelne Person zu viel Kontrolle ausüben kann.

Federal Reserve ist keine Monarchie

Diese Unterscheidung ist wichtiger denn je, da die Spekulationen zunehmen, dass der nächste Fed-Chef offener, gemäßigter, politisch loyaler und eher bereit sein könnte, aggressive Zinssenkungen zu verfolgen. Diese Vorstellung verunsichert die Märkte, Fragen zur Unabhängigkeit der Zentralbank kommen auf und die Debatte darüber entfacht, ob die Fed in Richtung politischer Einflussnahme abdriftet.

Das Herzstück der Federal Reserve ist der Offenmarktausschuss (Federal Open Market Committee/FOMC). Das Gremium ist verantwortlich für die Festlegung der Zinssätze und die Steuerung der Geldpolitik. Der FOMC besteht aus zwölf stimmberechtigten Mitgliedern: sieben Gouverneuren, die vom Präsidenten ernannt und vom Senat bestätigt werden, dem Präsidenten der New Yorker Fed und vier regionalen Fed-Präsidenten, die jährlich rotieren.

Ein Vorsitz, zwölf Stimmen – Kontrolle durch einen Einzelnen ein Mythos


Jedes dieser zwölf Mitglieder hat eine Stimme. Der Vorsitzende hat keine zwei Stimmen. Es gibt kein Vetorecht. Es gibt keine Exekutivgewalt, um Entscheidungen zu überstimmen. Um die Politik zu ändern, ist eine Mehrheit erforderlich – sieben von zwölf Stimmen. Diese strukturelle Realität begrenzt sofort den Einfluss, den selbst der durchsetzungsstärkste Vorsitzende ausüben kann. Deshalb ist die Vorstellung, dass eine einzelne Person die „Kontrolle“ über die Fed übernimmt, ein Mythos. Selbst ein Vorsitzender mit starken Überzeugungen muss eine Mehrheit des Ausschusses überzeugen, von denen viele vor politischem Druck geschützt sind und sich an institutionellen Normen orientieren, die Stabilität über Wagemut stellen.

Diese Realität wird noch wichtiger, wenn man den aktuellen Übergang betrachtet. Powells Amtszeit als Vorsitzender läuft im Mai 2026 ab, aber seine Amtszeit als Gouverneur geht bis Januar 2028. Sofern er sich nicht entscheidet, zurückzutreten, könnte er noch lange nach der Übergabe des Zepters als stimmberechtigtes Mitglied im FOMC bleiben. Das allein wirkt als stabilisierende Kraft und wird als Gegengewicht zu abrupten politischen Änderungen gesehen. Gleichzeitig läuft die Amtszeit von Gouverneurin Adriana Kugler Anfang 2026 ab, was dem Weißen Haus die Möglichkeit gibt, einen Nachfolger zu nominieren. Das ist zwar von Bedeutung, stellt aber dennoch nur einen Sitz im Ausschuss dar. Selbst mit einem neuen Vorsitzenden und einem neuen Gouverneur bleibt die grundlegende Arithmetik des FOMC unverändert. Deshalb sollten Erwartungen an einen dramatischen Kurswechsel mit Vorsicht genossen werden.

Wahre Macht des Fed-Chefs liegt in der Kommunikation

Die Fed wurde bewusst so konzipiert, dass sie sich langsam bewegt. Eine Änderung ihrer Struktur erfordert eine Abstimmung des Kongresses. Und eine Änderung ihrer politischen Richtung erfordert die Überzeugung einer Mehrheit von Beamten mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Perspektiven. Das bedeutet nicht, dass der Vorsitzende irrelevant ist. Im Gegenteil: Die wahre Macht des Vorsitzenden liegt nicht im Abstimmen, sondern in der Überzeugung und Kommunikation. Der Vorsitzende legt die Tagesordnung fest, rahmt die Debatte ein und prägt die Interpretation der Wirtschaftsdaten. Er leitet das Gespräch innerhalb und außerhalb des Raumes. Die Märkte reagieren nicht nur darauf, was die Fed tut, sondern auch darauf, wie sicher und schlüssig sie erklärt, warum sie es tut.

Hier könnte der nächste Vorsitzende am meisten bewirken. Ein eher gemäßigter Chef könnte sich einer weicheren Sprache bedienen, Abwärtsrisiken für das Wachstum betonen und konsequent die Fragilität des Arbeitsmarktes hervorheben. Selbst ohne eine Mehrheit zu befehligen, könnte allein dieser Tonfall die Erwartungen nach vorne verschieben und die Märkte dazu ermutigen, frühere oder tiefere Zinssenkungen einzupreisen. Aber Tonlage ist keine Politik. Um die Zinssätze tatsächlich zu ändern, muss der Vorsitzende mindestens sechs weitere stimmberechtigte Mitglieder überzeugen. Und das ist keine leichte Aufgabe. Der FOMC setzt sich derzeit aus Beamten mit einer breiten Palette von Ansichten zusammen, von „Inflationsfalken“ bis hin zu wachstumsorientierten „Tauben“.

Deshalb würde ein taubenhafter Vorsitzender an Grenzen stoßen. Die eigentliche Frage ist also nicht, ob ein neuer Vorsitzender eine lockerere Politik will, sondern ob er eine Koalition um diese Politik herum aufbauen kann. Das hängt von den Daten, der Zusammensetzung des Ausschusses und dem breiteren wirtschaftlichen Hintergrund ab. Es hängt auch davon ab, ob Powell im Vorstand bleibt und den Konsens stillschweigend hinter den Kulissen beeinflusst.

Fed-Übergänge ähneln Kurskorrekturen


Es gibt eine Tendenz, Fed-Übergänge wie Regimewechsel zu behandeln. In Wirklichkeit ähneln sie eher Kurskorrekturen. Das Schiff dreht sich langsam und nur dann, wenn genügend Hände am Steuer sind. Diese institutionelle Trägheit schützt die Geldpolitik vor Wahlzyklen, bedeutet aber auch, dass Veränderungen, wenn sie kommen, eher schrittweise als revolutionär erfolgen. Aus diesem Grund ist die wachsende politische Aufmerksamkeit für die Fed so bedeutend und so riskant. Während sich die Debatte über den nächsten Vorsitzenden verschärft hat, beginnen die Märkte etwas Neues einzupreisen: Nicht einfach nur eine lockerere Politik, sondern einen größeren politischen Einfluss auf die Zentralbank. Diese Unterscheidung ist wichtig. Anleger sind nicht allergisch gegen Zinssenkungen. Sie sind allergisch gegen Unsicherheit.

In dem Moment, in dem die Fed den Anschein erweckt, auf politischen Druck, statt auf Wirtschaftsdaten zu reagieren, schwindet die Glaubwürdigkeit. Wenn die Glaubwürdigkeit schwindet, steigen die Anleiherenditen und der Dollar wertet ab. Risikoprämien weiten sich aus. Ironischerweise kann der Versuch, die Kreditkosten zu senken, dazu führen, dass sie am Ende steigen.

Die Zukunft der Fed: Schiedsrichter oder Mitspieler?

Wir sehen erste Anzeichen für dieses Ergebnis. Kürzlich bewegten sich die Renditen nicht aufgrund politischer Änderungen, sondern aufgrund von Sorgen um die institutionelle Unabhängigkeit. Der Markt stellt eine tiefgehende Frage: Wird die Fed weiter als Schiedsrichter fungieren oder wird sie zum Mitspieler? Denn: Die Rolle des US-Dollars als Weltreservewährung beruht nicht nur auf wirtschaftlicher Stärke, sondern auf dem Vertrauen in die US-Institutionen. Sobald dieses Vertrauen nur leicht wankt, steigen die Kapitalkosten. Ein gemäßigter Vorsitzender könnte Liquiditätszyklen beschleunigen und spekulative Vermögenswerte kurzfristig beflügeln. Aber das ist mit längerfristigen Risiken verbunden, falls die Glaubwürdigkeit untergraben wird.

Letztendlich ist das Paradoxon des Fed-Vorsitzenden folgendes: Die Rolle ist enorm einflussreich, aber nur innerhalb enger institutioneller Grenzen. Der Vorsitzende kann leiten, überzeugen und Signale geben. Er kann nicht diktieren. Selbst ein extrem taubenhafter Nachfolger müsste sich immer noch sieben Stimmen sichern. Er stünde immer noch einem Ausschuss gegenüber, der durch jahrelange Ernennungen geprägt wurde. Er würde immer noch innerhalb eines Rahmens agieren, der darauf ausgelegt ist, abrupten Veränderungen zu widerstehen.

Deshalb bleibt die Fed sowohl mächtig als auch gezügelt. Und deshalb neigen ihre Entscheidungen trotz allen Lärms dazu, sich eher zu entwickeln als zu explodieren. In der aktuellen Debatte geht es nicht wirklich darum, wer auf dem Stuhl sitzt. Es geht darum, ob die Fed die Glaubwürdigkeit bewahren kann, die ihre Macht überhaupt erst wirksam macht. Bisher deutet die Geschichte darauf hin, dass sie es kann. Aber die Märkte beobachten genau – nicht, was der nächste Vorsitzende verspricht, sondern wie standhaft die Institution ihre Position verteidigt.

 

Veröffentlicht am: 07.01.2026

AusdruckenArtikel drucken

LesenzeichenLesezeichen speichern

FeedbackMit uns Kontakt aufnehmen

FacebookTeile diesen Beitrag auf Facebook

Nächsten Artikel lesen

Vorherigen Artikel lesen

 

Neu:


 

 

 

 

Werbung

Werbung

 

 

 

Werbung

             

 

Besuchen Sie auch diese Seiten in unserem Netzwerk:
| Börsen-Lexikon
| Fotograf Fotomensch Berlin
| Geld & Genuss
| gentleman today
| genussmaenner.de
| geniesserinnen.de
| instock.de
| marketingmensch | Agentur für Marketing, Werbung & Internet
| Unter der Lupe

© 2024 by frauenfinanzseite.de, Groß-Schacksdorf. Alle Rechte vorbehalten.