
Volatile Kerosinbestände in Europa sind ein Warnsignal dafür, wie ein anhaltender Schock in der Straße von Hormus Lieferketten insgesamt unter Druck setzen kann.
„Gibt es jemanden an Bord, der ein Flugzeug fliegen kann?“ Diese Frage aus dem Filmklassiker Airplane! wirkt heute wieder einmal unheimlich aktuell. Denn an der Straße von Hormus ist weiterhin kein Ende der Blockade absehbar. Das dürfte sich rasch bemerkbar machen – auch, aber nicht nur, bei einzelnen Treibstoffen, allen voran Kerosin – und damit die wirtschaftlichen Verwundbarkeiten verschiedener Regionen sichtbar machen.
Unser Chart der Woche vergleicht normalisierte Kerosinlagerbestände, die zentralen Treibstoffe für Düsenflugzeuge, in den USA und dem Euroraum seit 2015. Während sich die US‑Bestände in einem relativ engen Korridor bewegten, schwankten die Bestände im Euroraum deutlich stärker. Solche Ausschläge sind oft frühe Hinweise darauf, wie sich Stress in hochoptimierten Systemen fortpflanzt.
Beim Kerosin sind die Mechanismen strukturell. Es lässt sich nicht kurzfristig beliebig produzieren, sondern konkurriert mit Diesel und anderen Mitteldestillaten um Raffineriekapazitäten. Europa verfügt zudem über geringere Puffer – bedingt durch höhere Importabhängigkeit sowie engere logistische und regulatorische Einschränkungen. Flugzeuge können Treibstoffe in begrenztem Umfang „mitnehmen“; mit entsprechender Planung kann Kerosin natürlich auch verschifft werden. Doch das verschiebt Angebot lediglich, es schafft kein neues.
Die Golfregion ist dabei doppelt relevant: nicht nur als energiepolitischer Engpass, sondern auch als Rückgrat der interkontinentalen Luftanbindung über Drehkreuze wie Dubai, Doha oder Abu Dhabi – insbesondere für zeitkritische Luftfracht zwischen Europa und Asien. Längere Routen erhöhen Kosten und reduzieren Puffer. Die ersten Effekte treffen sensible Lieferketten und Passagierströme – mit möglichen Folgewirkungen für industrielle Prozesse. So könnten Kerosinverknappungen Vorboten weiterreichender Verwundbarkeiten in Handel, Produktion und Preissetzungsmacht sein.
Wie Darwei Kung, Co‑Head of Commodities & Natural Resource Equities bei der DWS, feststellt: „Anhaltende logistische Störungen verändern die Marktwahrnehmung: Was zunächst als temporär gilt, wird zunehmend strukturell eingepreist.“ Kerosinmärkte testen damit eine vertraute Annahme – dass frühe Widerstandsfähigkeit automatisch dauerhafte Stabilität bedeutet. In Airplane! übernimmt am Ende ein traumatisierter, ehemaliger Kampfpilot notgedrungen wieder das Steuer. In heutigen Treibstoffmärkten sind vergleichbar glückliche Enden deutlich schwerer zu finden.
Quellen: Bloomberg Finance L.P., DWS Investment GmbH; Stand: 06.05.2026