
In der Ökonomie gilt bekanntlich: Geschenkt gibt es nichts. Produktivitätswachstum kommt diesem Ideal am nächsten. Es erlaubt, mit denselben Mitteln mehr oder bessere Güter und Dienstleistungen herzustellen. Wenn pro Arbeitsstunde mehr produziert wird, können Unternehmen höhere Löhne zahlen, ohne dass die Lohnstückkosten im gleichen Maß zunehmen. Genau das ist am US-Arbeitsmarkt derzeit jedoch nicht zu sehen.
Unser „Chart der Woche“ zeigt, wie selten das ist. Im zweiten Quartal stiegen die Lohnstückkosten gegenüber dem Vorjahr um 1,4 Prozent. Die reale Stundenvergütung sank dagegen um 0,1 Prozent.1) Ähnliche Lücken traten auch früher auf, oft in wirtschaftlich schwierigen Phasen.
Die Erholung nach der Pandemie unterscheidet sich deutlich von der aktuellen Lage. 2022 sank die Arbeitsproduktivität, während eine kräftige Nachfrage auf Angebotsengpässe traf. Preise und Löhne stiegen, doch die Inflation verringerte dennoch die Kaufkraft der Beschäftigten.
Heute steigt dagegen die Arbeitsproduktivität und dämpft so den Anstieg der Lohnstückkosten. Den jüngsten Daten zufolge wuchs die Produktivität im US-Unternehmenssektor außerhalb der Landwirtschaft bereits im ersten Quartal schneller als zunächst gedacht, um 0,8 Prozent und legte im zweiten Quartal auf 1,4 Prozent zu. Damit übertrafen sie die Erwartungen deutlich.
Höhere Produktivität ist jedoch nicht automatisch eine gute Nachricht für Beschäftigte. Die Inflation frisst einen großen Teil der Lohnzuwächse auf. Zudem könnte es Beschäftigten in einem schwächeren Arbeitsmarkt schwerer fallen, höhere Löhne durchzusetzen. Wie der Chart zeigt, traten ähnliche Konstellationen häufig im Umfeld von Rezessionen auf. Wenn die Nachfrage nachlässt oder die Kosten steigen, bauen Unternehmen häufig Stellen ab und halten an ihren produktivsten Beschäftigten fest. Das kann die gemessene Produktivität erhöhen, macht es für Beschäftigte aber oft schwieriger, höhere Löhne durchzusetzen
Der JOLTS-Bericht für Juni, der offene Stellen und die Fluktuation am Arbeitsmarkt erfasst, liefert weitere Warnsignale. Die Zahl der offenen Stellen sank leicht auf 7,4 Millionen. Die Quote freiwilliger Kündigungen blieb bei 2,0 Prozent.2) Das deutet auf eine nachlassende Arbeitskräftenachfrage hin. Zugleich scheinen die Beschäftigten wenig zuversichtlich, anderswo eine bessere Stelle zu finden.
Deshalb könnten die längerfristigen Entwicklungen am Arbeitsmarkt wichtiger sein als einzelne monatliche Beschäftigungszahlen. „Für alle, die nicht nur auf die täglichen Marktschwankungen schauen, sind solche Muster entscheidend“, sagt Christian Scherrmann, US-Chefvolkswirt bei DWS. „Schätzungen zum monatlichen Beschäftigungsaufbau sind notorisch schwankungsanfällig und werden häufig revidiert. Das gilt auch, wenn wie zuletzt zunächst ein unerwarteter Stellenabbau gemeldet wird. Trotz der vorläufigen Zahlen bleibt offen, ob die US-Wirtschaft im Juli tatsächlich Arbeitsplätze verloren hat.“
Für Anleger ist deshalb auch bei der Produktivität Vorsicht geboten. Der jüngste Anstieg könnte die Unternehmensgewinne stützen und Hoffnungen auf Produktivitätsgewinne durch künstliche Intelligenz nähren.3) Er könnte aber ebenso Ausdruck einer schwächeren Wirtschaft sein. Hinzu kommt, dass sich manche Tätigkeiten nur schwer automatisieren lassen.4) In diesen Bereichen könnten Arbeitskräfte weiterhin knapp bleiben und der Inflationsdruck anhalten. Was zunächst wie eine positive Entwicklung aussieht, könnte Anleger und die Federal Reserve daher vor schwierige Entscheidungen stellen.
1) U.S. Bureau of Labor Statistics (2026) „Productivity and Costs, Second Quarter 2026, Preliminary.“ 6. August 2026.
2) U.S. Bureau of Labor Statistics (2026) „Job Openings and Labor Turnover, June 2026.“ 4. August 2026.
3) Für weitere Hintergründe siehe unsere frühere Veröffentlichung: DWS - Chart of the Week, 29. Mai 2026. „Vorerst keine KI-Wunder in Sicht.“
4) Siehe dazu auch unsere frühere Veröffentlichung: DWS - Chart of the Week, 31. Juli 2026. „Wenn KI menschliche Arbeit aufwertet.“