„Die Weltwirtschaft hat den durch den Irankonflikt ausgelösten Energiepreisschock erstaunlich gut verkraftet. Unser Basisszenario ist eine fortgesetzte Expansion“, sagt Chefanlagestratege Vincenzo Vedda.
Allerdings zeichnet sich zunehmend eine Zweiteilung der wirtschaftlichen Dynamik ab. Einerseits bleiben Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) ein zentraler Wachstumstreiber für die USA und stützen die Unternehmensgewinne. Andererseits gibt es auch Bereiche mit deutlichen Bremsspuren. Die Dynamik beim Konsum, im Wohnungsmarkt und auch in Teilen des Arbeitsmarktes ist rückläufig. Und auch beim Thema KI ist Realismus gefragt. „Das Wachstum der Investitionen dürfte allmählich seinen Höhepunkt erreichen“, erwartet Vedda.
Ob die Erfolgsgeschichte so fortgeschrieben werden kann, hängt maßgeblich davon ab, ob die enorm hohen Investitionen zu einer entsprechenden Monetarisierung und zu Produktivitätsgewinnen führen. Der grundsätzlich positive Ausblick auf die Weltwirtschaft spiegelt sich in der positiven Sicht auf die globalen Aktienmärkte bis September 2027 wider. Es wird aber darauf ankommen, ob die Unternehmen ihr Gewinnwachstum weiter steigern können. Denn höhere Kurse aufgrund höherer Bewertungen hält Vedda für unwahrscheinlich. Dagegen spricht auch das inzwischen sehr hohe Zinsniveau. Positiv bewertet Vedda, dass sich das Gewinnwachstum in den USA zuletzt deutlich auf mehr Unternehmen verteilt hat und nicht mehr ganz so stark auf die „Glorreichen Sieben“ Technologieunternehmen beschränkt war.
Damit sich diese positiven Erwartungen realisieren, müssen allerdings einige Voraussetzungen erfüllt sein: Die Straße von Hormus muss zumindest teilweise geöffnet bleiben, die Industrieländer müssen nahe an ihrem Potenzial expandieren und eine Rezession vermeiden. Zudem kommt dem künftigen Zinsniveau eine wichtige Rolle zu. „Wir gehen davon aus, dass die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen unter fünf Prozent bleiben wird“, so Vedda. Ansonsten könnte der Stressfaktor an den Aktienmärkten steigen.
Konjunktur: Globales Wachstum dürfte leicht anziehen
- Für 2026 rechnen wir mit einem globalen Wirtschaftswachstum von 3,0 Prozent und für 2027 mit einer leichten Beschleunigung auf 3,3 Prozent.
- Die US-Wirtschaft dürfte in diesem Jahr um 2,1 Prozent und im kommenden Jahr um 2,0 Prozent wachsen. Für die Eurozone erwarten wir eine Beschleunigung des Wachstums von 0,9 Prozent auf 1,3 Prozent.
Inflation: Preissteigerungen dürften 2027 langsam zurückgehen
- Wir erwarten, dass die Inflation in den USA im kommenden Jahr deutlich auf 2,3 Prozent (2026: 3,2 Prozent) sinken wird. Die preistreibenden Effekte von Zöllen und Ölpreisen dürften nachlassen. Die erwartete schwächere Entwicklung am Arbeitsmarkt und rückläufige Lohnsteigerungen dürften ebenfalls bremsen.
- Für die Eurozone erwarten wir einen Rückgang der Inflation im Jahr 2027 auf 2,5 Prozent (2026: 3,1 Prozent).
Notenbanken: Nur eine Zinserhöhung in den USA erwartet
- Angesichts dessen, dass das Inflationsziel von zwei Prozent in den USA seit geraumer Zeit verfehlt wird, rechnen wir in den kommenden 12 Monaten mit einem Zinsschritt der US-Notenbank auf 3,75 bis 4 Prozent.
- In der Eurozone dürfte mit der Zinserhöhung im September auf 2,5 Prozent der Zinserhöhungszyklus unserer Ansicht nach an sein Ende gekommen sein.
Risiken: Weiter steigende Anleiherenditen und geopolitische Eskalation
- Auch wenn die Wachstumsaussichten positiv bleiben und die Inflation langsam nachgibt, gibt es deutliche Risiken für die Entwicklung an den Märkten, die dem positiven Szenario einen Strich durch die Rechnung machen könnten.
- Insbesondere höhere Anleiherenditen und die nach wie vor enormen geopolitische Unsicherheiten könnten zu negativen Überraschungen führen.
Aktien - Andre Köttner, Fondsmanager
Fondsmanager Andre Köttner ist ein großer Freund von Hanteln, zumindest wenn es um seine Anlagestrategie geht. Die derzeitigen und aus seiner Sicht voraussichtlich auch künftigen Gewinner in Sachen Künstlicher Intelligenz befinden sich auf der einen Seite der Hantel. Auf der anderen Seite stehen Unternehmen, die mit Technologie und speziell KI praktisch nichts zu tun haben, deren Geschäftsmodelle voraussichtlich nicht diesem enorm hohen Veränderungsdruck durch KI ausgesetzt sind und die wahrscheinlich auf absehbare Zeit nicht disruptiert werden.
Mit dieser Strategie will Köttner, der bei seinen Fonds praktisch immer zu fast einhundert Prozent in Aktien investiert ist, etwas Volatilität aus seinen Strategien herausnehmen. So positioniert sich Köttner auch deutlich anders als viele Marktteilnehmer. Denn trotz der insgesamt auch in diesem Jahr erstaunlich guten Entwicklung an den Börsen sei eine gewisse Vorsicht angebracht.
„Die Nervosität hat zuletzt deutlich zugenommen. Anleger wechseln teilweise innerhalb weniger Tage zwischen Begeisterung und Skepsis“, so Köttner. Mal stünden die Gewinner des KI-Booms im Fokus, mal Unternehmen, die als potenzielle Verlierer der Technologieentwicklung gelten. Die Folge seien vermehrt Kursausschläge von zehn Prozent und mehr innerhalb kürzester Zeit.
Das Thema steigender Zinsen kann Köttner als Aktienfondsmanager ebenfalls nicht ignorieren. Sie seien ein Risikofaktor für Aktien. Schließlich führen sie dazu, dass die zukünftigen Gewinne eines Unternehmens heute weniger wert sind als bei niedrigeren Zinsen. Seine Strategie: „Ich brauche Unternehmen, die niedrig verschuldet sind und Preissetzungsmacht haben.“ Letzteres sei in dem aktuellen Umfeld einer erhöhten Inflation sehr wichtig.
Unternehmen mit soliden Bilanzen, geringer Verschuldung und der Fähigkeit, gestiegene Kosten an Kunden weiterzugeben, hätten einen echten Mehrwert. Solche Geschäftsmodelle könnten auch dann attraktiv bleiben, wenn sich das makroökonomische Umfeld schwieriger entwickele.
Auf europäische Aktien blickt Köttner grundsätzlich zuversichtlich, ohne zur Euphorie zu neigen. In Sachen KI sei hier nicht viel zu holen. Jede Region habe ihre Stärken. In Europa lägen diese beispielsweise bei Gesundheitstiteln, Finanzwerten oder auch Versicherern. Auch im Maschinenbau und bei Luxusgütern werde er für seine langfristige Investmentstrategie fündig.
Aktien USA: Aussicht auf weiter sprudelnde Unternehmensgewinne dürfte Kurse stützen
- Die nach wie vor erwarteten, steigenden Unternehmensgewinne dürften US-Aktien weiterhin unterstützen. Nicht nur bei den KI-Unternehmen ist die Gewinnentwicklung positiv. Die Basis hat sich verbreitert. Auch alle anderen Sektoren tragen zu diesen positiven Aussichten bei.
- Unser neues Kursziel für den S&P 500 per September 2027: 8.400 Punkte.
Aktien Deutschland: Dax mit deutlichem Kurspotenzial
- Wir halten eine Gesamtrendite von etwa zehn Prozent für den Dax auf Sicht von zwölf Monaten für realistisch, auch wenn der Bewertungsabschlag gegenüber US-Titeln zuletzt zurückgegangen ist. Das liegt hauptsächlich daran, dass sich die Sektorengewichtung geändert hat. Der Anteil von Auto- und Chemieunternehmen ist deutlich geringer als in der Vergangenheit.
- Unser Kursziel für den Dax per September 2027: 28.600 Punkte.
Aktien Europa: Turnaround bei den Unternehmensgewinnen dürfte für Rückenwind sorgen
- Knapp zweistellige Gesamtrenditen sind unserer Ansicht nach auch mit europäischen Aktien auf Sicht von zwölf Monaten möglich. Hauptgrund: Die Unternehmensgewinne dürften nach drei Jahren Stagnation deutlich zulegen.
- Unser Kursziel für den Stoxx 600 per September 2027: 690 Punkte.
Japan: Noch deutlich Luft nach oben – trotz schon sehr gut gelaufener Aktienkurse
- Die Aussichten für japanische Aktien sind unserer Ansicht nach noch etwas besser als für europäische und US-Titel.
- Sowohl die binnenwirtschaftliche als auch die exportseitige Gewinndynamik dürften robust bleiben. Darüber hinaus entwickeln sich Unternehmensführung und Aktienrückkäufe weiterhin positiv.
- Unser Kursziel für den MSCI Japan per September 2027: 2.760 Punkte.
Attraktive Ertragschancen mit Anleihen aus Schwellenländern
Schwellenländeranleihen, insbesondere Staatsanleihen, bieten derzeit interessante Ertragschancen. Knapp zweistellige Gesamtrenditen – Zinszahlungen, Kursentwicklung und Wiederanlageerträge – scheinen auf Sicht von zwölf Monaten möglich. Rückenwind dürfte von einem robusten globalen Wachstum, positiven Ratingentwicklungen und der Aussicht auf einen schwächeren US-Dollar kommen. Allerdings sind viele gute Nachrichten bereits in den Kursen enthalten. Bei Staatsanleihen erscheint das Potenzial für weiter sinkende Risikoaufschläge daher begrenzt. Dazu wäre eine Entspannung im Golfraum notwendig, die aktuell einmal mehr sehr fraglich erscheint. Steigende reale US-Renditen könnten sich dagegen negativ auswirken.
Asiatische Unternehmensanleihen werden von soliden Unternehmensdaten, einer hohen regionalen Nachfrage und einem begrenzten Neuangebot gestützt. Die hohe Sparquote dürfte helfen, neue Anleihen aufzunehmen. Allerdings liegen die Risikoaufschläge nahe ihrer historischen Tiefstände. Steigende Energiepreise, geopolitische Spannungen und neue Handelskonflikte bleiben zentrale Risiken. Fazit: Die Attraktivität von Schwellenländeranleihen liegt an ihrem laufenden Ertrag, nicht an einem hohen Kurspotenzial. Risikoreiche Hochzinstitel erscheinen uns wegen ihres höheren laufenden Ertrags leicht attraktiver als Anleihen guter Bonität.
Währungen
Euro/Dollar: Nur noch begrenztes Aufwertungspotenzial für den Euro
- Die Kombination aus hohen Refinanzierungsbedarfen und umfangreichen Haushaltsdefiziten entwickelt sich zunehmend zu einem Belastungsfaktor für die US-Währung. Für den Euro spricht zudem ein moderat verbesserter Konjunkturausblick in der Eurozone.
- Wir rechnen per September 2027 mit einem Euro-Dollar-Wechselkurs von 1,20 und somit mit einer leichten Abschwächung des Dollars.
Alternative Anlagen
Gold: Hohe Anleiherenditen dürften Aufwärtspotenzial begrenzen
- Wir halten an unserer positiven Einschätzung für Gold fest. Unterstützt wird diese durch die anhaltenden Käufe der Zentralbanken, fiskalische Bedenken sowie die Diversifizierung weg von US-Staatsanleihen. Die derzeit hohen realen und nominalen Renditen könnten das kurzfristige Aufwärtspotenzial jedoch begrenzen.
- Unser Kursziel für die Feinunze per September 2027: 5.000 Dollar