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Montag, 19. Oktober 2026
   
 

Anleihe-Comeback bietet Chancen und Risiken

Aktuelle Markteinschätzung von Nermin Aliti, Leiter Fonds Advisory der LAUREUS AG PRIVAT FINANZ



Anleihen gehören in jedes breit diversifizierte Portfolio. Aber: Die langanhaltende Null- und Negativzinsphase veranlasste selbst vorsichtige Anleger, häufig einen Bogen um festverzinsliche Wertpapiere zu machen. Nun erleben festverzinsliche Papiere jedoch ein Comeback: Erstmals seit Ausbruch der Finanzkrise 2007/2008 bieten selbst besonders risikoarme Staatsanleihen von Ländern hoher Bonität (Investmentgrade) wieder eine attraktive Verzinsung. 

Besonders jenseits des Atlantiks locken auf den ersten Blick attraktive Renditen: So bieten zehnjährige US-Staatsanleihen eine jährliche Rendite von rund 5,2 Prozent, während 30-jährige US-Titel sogar auf knapp 5,6 Prozent kommen – vorausgesetzt, der Anleger hält das Papier bis zur Fälligkeit und der Schuldner gerät nicht in Zahlungsschwierigkeiten. Und auch in anderen Industriestaaten sind die Anleiherenditen wieder gestiegen. Rentenpapiere können – abhängig von der individuellen Risikoneigung – also wieder eine tragendere Rolle in einem gemischten Vermögensportfolio einnehmen und die Stabilität im Depot erhöhen.

Doch Vorsicht: Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass selbst Anleihen mit dem höchsten Rating durchaus schwankungsintensiv sein können. Steigende Marktzinsen setzen die Kurse bereits ausgegebener Anleihen in der Regel unter Druck, da neu ausgegebene Papiere attraktivere Zinsen bieten. Aber auch eine steigende Staatsverschuldung, zunehmende Inflationssorgen oder geopolitische Konflikte können dazu führen, dass Anleger höhere Renditen verlangen und die Kurse sinken. Für Anleger, die ihre Anleihen vorzeitig verkaufen, kann dies Verluste bedeuten. Bei der Auswahl sollten Anleger daher nicht nur auf die Bonität, sondern auch auf die wirtschaftliche und politische Lage des Schuldners achten. Die nominale Rendite einer Staatsanleihe erzählt nämlich nicht die ganze Geschichte.

Gefährliche Schuldenberge

Von den USA über Europa bis nach Japan haben die Industriestaaten ihre Schuldenquote in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Beispielsweise sind die USA inzwischen mit rund 127 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes (BIP) verschuldet und stehen mit einem Volumen von rund vier Billionen Dollar in der Kreide. Da mit den Schulden auch die Gefahr eines Zahlungsausfalls zunimmt, müssen die Vereinigten Staaten ihre Staatsanleihen inzwischen mit höheren Zinsen als beispielsweise europäische Staaten ausstatten. Zum Vergleich: In Deutschland erreicht die Staatsverschuldung rund 65 Prozent des BIP – und im Durchschnitt der 21 Euro-Länder liegt die Schuldenquote bereits bei knapp 90 Prozent. Dabei stechen Länder wie Frankreich (118 Prozent), Italien (138 Prozent) und Griechenland (142 Prozent) negativ heraus. Somit müssen diese Staaten höhere Zinskupons anbieten als das geringer verschuldete Deutschland: Für Anleihen über zehn Jahre zahlt Deutschland 3,4 Prozent Zinsen, Frankreich etwa 4,8 Prozent, Griechenland 4,3 Prozent und Italien 4,5 Prozent. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich das Zinsniveau, welches von den großen Notenbanken festgelegt wird, in den USA um über 1 Prozent höher bewegt. Dementsprechend ist der Aufschlag für US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 10 Jahren gegenüber von deutschen Bundesanleihen zwar höher, aber wiederum geringer als bei den französischen oder italienischen Pendants. 

Und: Da die USA und viele Euro-Staaten mit ihren Haushaltsdefiziten den Schuldenberg immer weiter auftürmen, droht ohne rechtzeitiges Gegensteuern eine Preisspirale: Mit den Schulden nimmt das Emissionsvolumen neuer Staatsanleihen zu. Um ausreichend Abnehmer dafür zu finden, müssen die Zinskupons regelmäßig höher ausfallen. Die Zahlung höherer Zinsen verengt in der Folge wiederum die finanziellen Spielräume der Staaten, sodass immer neue Schulden aufgenommen und noch höhere Zinsen gezahlt werden müssen. 

Um eine solche Spirale zu verhindern, braucht es starke Regierungen mit stabilen Mehrheiten, die die Schuldenaufnahme bremsen. Minderheitsregierungen wie in Frankreich, die Probleme haben, einen verfassungskonformen Haushalt zu verabschieden, müssen Anleger daher mit höheren Anleiherenditen locken.

Trügerische Nominalrenditen

Auch das mögliche Währungsrisiko sollten Anleger auf dem Schirm haben. Europäische Anleger, die in US-Dollar denominierte Anleihen erwerben, übernehmen neben dem Zinsänderungsrisiko unweigerlich ein Währungsrisiko. Zur Erinnerung: Mit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump im Januar 2025 hatte der US-Dollar deutlich an Wert verloren. Gab es vorher für einen Euro nur zwischen 1,06 und 1,10 US-Dollar, so waren es später eher zwischen 1,15 und 1,17 Dollar je Euro. Verliert eine auf Dollar lautende US-Staatsanleihe diese fünf bis sechs Prozent an Wert, ist die im Vergleich zu europäischen Zinskupons höhere US-Rendite mit dem Umtausch in Euro bereits mehr als aufgezehrt.

Wer dieses Währungsrisiko absichern will, erlebt eine Ernüchterung: Die Kosten der Absicherung gegen Wechselkursschwankungen orientieren sich an der Zinsdifferenz beider Währungsräume, sodass die erzielbare Rendite nach Absicherung nahezu auf dem Niveau solider Euro-Staatsanleihen liegt. Wer die volle US-Prämie vereinnahmen möchte, muss auch das volle Wechselkursrisiko tragen. Die zuletzt deutlichen Wechselkursschwankungen erhöhen jedoch die Volatilität des Gesamtdepots und dürften dem Wunsch konservativer Anleger nach sicheren Investments eher zuwiderlaufen. Wer hierzulande investieren möchte, schläft daher wohl eher mit auf Euro lautenden Anleihen etwas ruhiger.

Nicht zuletzt die Inflation spielt eine gewichtige Rolle. Hohe, hartnäckige Inflationsraten zwangen beispielsweise die US-Notenbank im September zu einer ersten Zinserhöhung, die unmittelbar auf die Renditen der US-Staatsanleihen durchschlug. Mit dem Beginn des Iran-Krieges und dem Anstieg der Energiepreise sind auch in Europa die Inflationsraten spürbar gestiegen. Das belastet die Anleihekurse und treibt im Gegenzug die Renditen vor allem bei den langen Laufzeiten. Zinserhöhungen der Notenbanken wirken hingegen primär auf die kurzen Laufzeiten, da sie zunächst bei neu emittierten Anleihen greifen. 

Breite Streuung ist die halbe Rendite

Das Comeback der Anleihen ist eine gute Nachricht für alle, die ihr Vermögen langfristig und mit Augenmaß aufbauen wollen. Der Zins ist wieder da, und mit ihm das Instrument, Portfolios wirksam zu stabilisieren.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt jedoch nicht in der Jagd nach der höchsten nominalen Einzelrendite, sondern in einer durchdachten Anlagestruktur. Eine breite Diversifikation über verschiedene Laufzeiten, erstklassige Bonitäten und überschaubare Währungsrisiken ist dabei das Gebot der Stunde. Dann können Anleihen ihre Stärken voll ausspielen: Stabilität in stürmischen Marktphasen und verlässliche Erträge auf dem Weg zu finanzieller Souveränität. Und wer sich nicht im Detail mit der Auswahl und Strukturierung einzelner Anleihen beschäftigen möchte, der kann zum Beispiel mit Rentenfonds, defensiven Mischfonds oder einer Vermögensverwaltung Alternativen finden, um die eigenen Anlageziele zu verfolgen. 

 

Veröffentlicht am: 19.10.2026

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