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Samstag, 31. Oktober 2026
   
 

Der Halloween-Effekt: Fünf Risiken für die Aktienrally

Ein Marktkommentar von Jens Klatt, Analyst beim Online-Broker XTB



Halloween markiert historisch den Beginn einer der stärksten Phasen für Aktienmärkte. In diesem Jahr könnten Risiken jedoch aus mehreren Richtungen kommen. Die Überschneidung mit den US-Zwischenwahlen verstärkt zwar die Attraktivität saisonaler Muster, geopolitische Spannungen und die Unsicherheit über den weiteren Zinskurs könnten die Entwicklung jedoch ausbremsen.



Halloween markiert historisch den Beginn einer der stärksten Phasen für Aktienmärkte. In diesem Jahr könnten Risiken jedoch aus mehreren Richtungen kommen. Die Überschneidung mit den US-Zwischenwahlen verstärkt zwar die Attraktivität saisonaler Muster, geopolitische Spannungen und die Unsicherheit über den weiteren Zinskurs könnten die Entwicklung jedoch ausbremsen.

Die Historie liefert ermutigende Anhaltspunkte. Ob Aktien davon profitieren, hängt allerdings vor allem von Unternehmensgewinnen, Finanzierungskosten und Energiepreisen ab. Es scheint so, als sei auch dieses Jahr der Halloween-Effekt zurück. Die Risiken jedoch, die das Drehbuch verändern könnten, ebenfalls.

Was ist der Halloween-Effekt?

Der Halloween-Effekt beschreibt die historische Tendenz, dass Aktien zwischen November und April stärker rentieren als zwischen Mai und Oktober. Er ist die Kehrseite der bekannten Börsenregel „Sell in May and go away“: Anleger kehren Ende Oktober an den Markt zurück, um an der traditionell stärkeren Sechsmonatsphase zu partizipieren. Dieser Vorteil verteilt sich allerdings nicht gleichmäßig über den US-Präsidentschaftszyklus. Besonders auffällig ist die Phase von November bis April nach den US-Zwischenwahlen. Sie verbindet die saisonal stärkere Börsenphase mit dem Beginn der zweiten Hälfte einer US-Präsidentschaft. Sobald die Wahlergebnisse feststehen, nimmt ein Teil der politischen Unsicherheit typischerweise ab.

In den neun untersuchten Jahren mit US-Zwischenwahlen zwischen 1990 und 2022 legte der S&P 500 von Ende Oktober bis Ende April im Schnitt um 11,1 Prozent zu. In der vorangegangenen Phase von Mai bis Oktober verlor der Index durchschnittlich 1,6 Prozent. Die Werte beziehen sich auf kumulierte Sechsmonats-Kursrenditen in US-Dollar und berücksichtigen keine Dividenden. Das Börsenjahr 2018 zeigt zugleich, dass sich hinter einer positiven Sechsmonatsrendite erhebliche zwischenzeitliche Verluste verbergen können. Während Donald Trumps erster Amtszeit gewann der S&P 500 zwischen November 2018 und April 2019 rund 8,6 Prozent.

Zuvor fiel der Index jedoch bis Heiligabend deutlich, Handelskonflikte und eine straffere Geldpolitik belasteten die Märkte. Erst die anschließende Erholung, unterstützt durch eine geduldigere US-Notenbank, führte den Index bis April wieder über sein Schlussniveau vom Oktober. Das saisonale Muster blieb zwar intakt, Anleger mussten jedoch eine ausgesprochen volatile Phase durchstehen.

Quelle der historischen Berechnung: monatliche Schlusskurse des S&P 500 von Yahoo Finance. Analysiert wurden neun vollständige Zyklen von November 1988 bis Oktober 2024. „Winter“ bezeichnet November bis April, „Sommer“ Mai bis Oktober. Der „Winter des dritten Jahres“ beginnt im November des Zwischenwahljahres. Die Renditen sind in US-Dollar berechnet und schließen Dividenden aus.

Auch auf kürzere Sicht zeigen sich saisonale Muster. Im technologielastigen Nasdaq 100 erzielten die letzten vier Handelstage im Oktober und die ersten drei Handelstage im November seit 1990 in 81 Prozent der untersuchten Fälle Kursgewinne.

Beim S&P 500 reicht ein weiteres Muster bis in den Dezember hinein: Seit 1957 schloss der Index in rund 93 Prozent der Jahre oberhalb seines Oktober-Tiefs. Vom jeweiligen Tiefpunkt aus betrug die durchschnittliche Erholung 7,4 Prozent. Wichtig ist jedoch: Dieses Tief lässt sich erst im Nachhinein erkennen. Es handelt sich nicht um die Rendite eines Kaufs zu Beginn oder Ende Oktober.

Die Statistiken ergänzen das Bild einer historisch stärkeren Aktienmarktphase zwischen November und April. Saisonalität kann Rückenwind geben. Sie hebt die Risiken, die den Markt drehen könnten, jedoch nicht auf.

Fünf Risiken für den Halloween-Effekt

1. Eine Eskalation mit dem Iran treibt Öl wieder in Richtung Jahreshoch


Das zentrale Energierisiko besteht darin, dass eine Zuspitzung der Konflikte Förderanlagen, Exporte oder Rohöllieferungen im Nahen Osten beeinträchtigt. Zusätzliche Angebotsausfälle könnten die Ölpreise wieder in Richtung ihrer Jahreshochs treiben. Die Folgen würden weit über den Energiesektor hinausreichen. Teurerer Kraftstoff schmälert die Kaufkraft privater Haushalte und setzt die Margen von Transport-, Flug- und Industrieunternehmen unter Druck. Zugleich könnte der Preisauftrieb bei Energie die Inflation länger hoch halten und den Handlungsspielraum der Notenbanken einschränken.

Europa ist wegen seiner Abhängigkeit von Energieimporten besonders anfällig. Steigen Öl- und Gaspreise gleichzeitig, erhöhen sich die Produktionskosten zu einem Zeitpunkt, an dem viele Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken müssen. Öl kann damit wie eine zusätzliche Abgabe auf Konsum und wirtschaftliche Aktivität wirken: Das Wachstum schwächt sich ab, während die Inflation hoch bleibt.

2. Anziehende Anleiherenditen

Die Aktienmärkte müssen sich mit dem Finanzierungsbedarf von Staaten und Unternehmen auseinandersetzen, die Infrastruktur für Künstliche Intelligenz aufbauen. Rechenzentren, Stromnetze und Chipkapazitäten erfordern erhebliche Investitionen. Fordern Investoren höhere Renditen, um neue Staats- und Unternehmensanleihen aufzunehmen, steigen die Kosten für neue Projekte und die Refinanzierung bestehender Schulden. Höhere Renditen am Anleihemarkt machen festverzinsliche Anlagen zudem zu einer attraktiveren Alternative zu Aktien. Besonders sensibel reagieren Unternehmen, deren Bewertung auf weit in der Zukunft liegenden Gewinnen beruht, ebenso wie hoch verschuldete Konzerne. Im Technologiesektor könnten steigende Finanzierungskosten die erwartete Rendite von Rechenzentren verringern oder Bauvorhaben verzögern.

Ein Unternehmen kann operativ weiter wachsen und dennoch an der Börse an Wert verlieren, wenn Anleger für die Finanzierung dieses Wachstums eine höhere Rendite verlangen. Deshalb können Anleihemärkte für Aktienbewertungen ebenso entscheidend sein wie Unternehmensgewinne.

3. Weitere Zinserhöhungen im Dezember

Eine Zinspause bedeutet nicht automatisch, dass der geldpolitische Straffungszyklus beendet ist. Die US-Notenbank beließ den Leitzins bei ihrer Sitzung im Oktober bei 3,75 bis 4 Prozent. Zwei Mitglieder sprachen sich jedoch für eine Anhebung um 0,25 Prozentpunkte aus. Zugleich beschreibt die Notenbank die Inflation weiterhin als erhöht. Ein erneuter Preisauftrieb könnte weitere Zinsschritte auslösen. Für Aktien entsteht das Risiko, wenn die US-Notenbank oder die Europäische Zentralbank stärker als erwartet strafft oder signalisiert, dass die restriktiven Finanzierungsbedingungen länger bestehen bleiben.

Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen nachfragegetriebener Inflation und Inflation infolge von Angebotsengpässen. Steigende Ölpreise können diesen Zielkonflikt verschärfen, insbesondere wenn sie auf Löhne, Dienstleistungen und Inflationserwartungen übergreifen.

Notenbanken steuern eine sehr heterogene Wirtschaft. Eine zu aggressive Straffung kann kreditabhängige Branchen besonders stark treffen, ohne die Ursache steigender Energiekosten zu beseitigen. Höhere Zinsen schaffen kein zusätzliches Ölangebot. Sie können jedoch Investitionen und Konsum bremsen. Die Gefahr besteht darin, dass die Geldpolitik die Konjunktur weiter belastet, ohne den Auslöser des Energiepreisanstiegs wirksam zu adressieren.

4. Eine weitere Verkaufswelle bei Metallen

Kupfer ist stark von den Erwartungen rund um Künstliche Intelligenz abhängig. Rechenzentren und Stromnetze benötigen große Mengen des Metalls. Verzögerungen bei Investitionen könnten jedoch dazu führen, dass die tatsächliche Nachfrage hinter den bereits eingepreisten Erwartungen zurückbleibt. Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch Lagerbestände in den USA, die im Vorfeld möglicher Zölle aufgebaut wurden. Sollte dieses Risiko nachlassen, könnten Bestände auf andere Märkte gelangen und die Preise unter Druck setzen. Anleger zahlen damit möglicherweise heute für eine Nachfrage, die sich erst in mehreren Jahren materialisiert.

Auch Gold ist nicht gegen einen breiten Ausverkauf an den Märkten immun. Steigende reale Zinsen oder ein stärkerer US-Dollar können die Attraktivität des Edelmetalls mindern. In Stressphasen verkaufen manche Anleger zudem Gold, um Liquidität zu schaffen oder Verluste in anderen Anlageklassen zu decken. Gold kann seine langfristige Funktion als Diversifikationsinstrument behalten. Das schützt jedoch nicht vor deutlichen Kurskorrekturen, gerade dann, wenn auch Aktien unter Druck geraten.

Silber vereint die Risiken von Edel- und Industriemetallen. Es kann sowohl unter restriktiveren Finanzierungsbedingungen als auch unter einer schwächeren Nachfrage aus Elektronik, Solarenergie und anderen Industrieanwendungen leiden. Der kleinere Markt kann Kursbewegungen zusätzlich verstärken, wenn Investoren Positionen abbauen. Eine wirtschaftliche Abschwächung in Kombination mit Verkäufen bei Edelmetallen könnte Silber daher von zwei Seiten treffen.

5. Deutliche Kursverluste bei Bankaktien

Die Entwicklung des Bankensektors dürfte für Europa und insbesondere für den spanischen Ibex 35 wichtig sein, in dem Finanzwerte ein hohes Gewicht haben. Höhere Zinsen können die Erträge von Banken stützen. Sie können allerdings auch die Kreditnachfrage dämpfen und die Fähigkeit von Kreditnehmern beeinträchtigen, ihre Verbindlichkeiten zu bedienen. Verlangsamt sich das Wirtschaftswachstum, könnten höhere Risikovorsorgen und eine schwächere Geschäftstätigkeit einen Teil der Vorteile aus höheren Zinsmargen aufzehren.

Ein weiterer Risikofaktor ist das Engagement in Staatsanleihen. Steigende Risikoaufschläge auf Staatsanleihen können in bestimmten Portfolios zu Bewertungsverlusten führen und zugleich die Finanzierungskosten der Banken erhöhen. Die Entwicklung französischer Staatsanleihen verdient deshalb besondere Aufmerksamkeit. Ein Kursrückgang nach der Vorlage von Geschäftszahlen bedeutet noch keine Bankenkrise. Kritisch würde es, wenn sich Aktienkurse, Finanzierungskosten und Kreditqualität gleichzeitig verschlechtern. Greift ein solcher Marktstress auf Banken über, kann das die Kreditversorgung der gesamten Wirtschaft einschränken.

Kann sich die Halloween-Rally wiederholen?

Die Historie liefert ein positives Muster, insbesondere für die sechs Monate nach US-Zwischenwahlen. Allein daraus lässt sich jedoch keine belastbare Anlageentscheidung ableiten. Ob Aktien vom saisonalen Rückenwind profitieren, entscheiden Unternehmensgewinne, Inflation und die Fähigkeit von Unternehmen und Staaten, Investitionen zu finanzieren. Sinkende Ölpreise und stabilere Finanzierungsbedingungen wären unterstützend. Steigende Energiepreise, höhere Renditen am Anleihemarkt und ein länger restriktiver Zinskurs könnten den Effekt dagegen neutralisieren. Der Kalender spricht für Optimismus – doch Öl, Zinsen und Gewinne entscheiden, ob daraus tatsächlich Renditen werden.

 

Veröffentlicht am: 31.10.2026

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