^

 

 Suche  | Sitemap  | Mediadaten  | Kontakt  | Impressum  | Datenschutz
       
Sonntag, 21. Juni 2026
   
 

Deutschlands Bankenschlacht – Regierung, Gewerkschaften und Management kämpfen gegen UniCredit

Marktkommentar von Sandeep Rao, Senior Analyst bei Leverage Shares und Income Shares



Deutschlands Bankenschlacht – Regierung, Gewerkschaften und Management kämpfen gegen UniCredit  Marktkommentar von Sandeep Rao, Senior Analyst bei Leverage Shares und Income Shares.

Frankfurt, 19. Juni 2026 – Die italienische Großbank UniCredit befindet sich inmitten einer mehrjährigen Kampagne zur Übernahme der Commerzbank (oder zumindest zur Erlangung eines maßgeblichen Einflusses auf diese), dem zweitgrößten Geldinstitut Deutschlands. 

Der deutsche Widerstand gegen diese Transaktion ist gleichermaßen rational wie irrational, wirtschaftlich vertretbar wie politisch motiviert, historisch verständlich wie strategisch selbstzerstörerisch. Die Kernfrage ist dabei nicht nur finanzieller Natur; sie berührt das Fundament des europäischen Projekts selbst.

Veräußern, verkaufen, schließen

Die Commerzbank von heute unterscheidet sich von der Commerzbank zur Jahrtausendwende. Dies ist vor allem das Ergebnis der Ereignisse während der Finanzkrise 2008/09. Im August 2008 vereinbarte die Commerzbank die Übernahme der Dresdner Bank von der Allianz – rund zwei Wochen vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers. Innerhalb weniger Monate saßen die Commerzbank und die übernommene Dresdner Kleinwort auf massiven gemeinsamen Verlusten.

Im Dezember 2008 stimmten die deutsche Bundesregierung und die EU-Kommission zu, die Übernahme durch eine stille Beteiligung in Höhe von 8,2 Milliarden Euro zu unterstützen. Dieser Betrag wurde bis Januar verdoppelt, wofür die deutsche Regierung im Gegenzug 25 Prozent plus eine Aktie an der Commerzbank erhielt. Da die Kapitalspritze nach EU-Recht eine staatliche Beihilfe darstellte, knüpfte die Kommission ihre Zustimmung an strenge Restrukturierungsauflagen. Dazu gehörten die Reduzierung der Bilanzsumme, Übernahmeverbote, Dividendenbeschränkungen und Ähnliches.

Um die Verluste zu begrenzen, begann die Abwicklung und Ausgliederung von Geschäftsbereichen: Zwischen 2009 und 2012 wurde die Dresdner Kleinwort faktisch zerschlagen. Aktiengeschäft, M&A-Beratung, Eigenhandelsabteilungen, die Niederlassung in Japan und Kapitalmarkteinheiten wurden geschlossen. Das Schweizer Private-Banking-Geschäft der Dresdner Bank wurde im Juli 2009 an die vom liechtensteinischen Fürstenhaus kontrollierte LGT Group verkauft. Die Reste des Private-Banking-Geschäfts wurden nach der Umbenennung in Kleinwort Benson im Oktober 2009 separat an die belgische RHJ International veräußert. 2016 übernahm die Société Générale für deren britisches Private-Banking-Geschäft Kleinwort Benson.

Das 2002 gegründete Joint-Venture Eurohypo, das die gewerblichen Immobilienfinanzierungssparten der Commerzbank, Dresdner Bank und Deutschen Bank bündelte, war einer der komplexesten Puzzleteile. Bis 2008 beliefen sich die Vermögenswerte auf 292 Milliarden Euro, was sie zu einem der größten gewerblichen Immobilienfinanzierer Europas und zu einem produktiven Emittenten von Pfandbriefen machte. Als die Krise Fahrt aufnahm, hielt die Eurohypo ein katastrophales Volumen an Risikopositionen in spanischen, amerikanischen und britischen Gewerbeimmobilien.

Obwohl die Commerzbank angewiesen worden war, Eurohypo bis 2014 zu verkaufen, fand sie keinen Käufer. Die Kommission stimmte daraufhin der Ersetzung der Verkaufsauflage durch eine obligatorische Abwicklung zu. Die Commerzbank übertrug das öffentliche Finanzierungsgeschäft und den Großteil der Gewerbeimmobilienberichte der Eurohypo in eine neue interne Einheit namens Non-Core Assets (NCA), die im Laufe der Zeit abgewickelt werden sollte. Die NCA bestand über Jahre hinweg und band bis Mitte der 2010er-Jahre Kapital und Managementaufmerksamkeit. Die Schiffsfinanzierung wurde im Rahmen der Restrukturierung zeitgleich abgewickelt.

Transformation und Turbulenzen


Im Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten wandelte sich die Commerzbank von einer Universalbank zu einer im Wesentlichen im Inland agierenden Firmen- und Privatkundenbank mit bedeutendem Auslandsaktivum, aufgeteilt in vier Segmente:
- Eine inländische Privatkundenbank, die zwölf Millionen Privatkunden betreut, vor allem über ihre Digitalplattform Comdirect und ihr Filialnetz. Dieses Segment ist solide, aber margenschwach und kostenintensiv und steht in intensivem Wettbewerb mit Sparkassen und Volksbanken, die als gemeinnützige bzw. genossenschaftliche Institute strukturelle Vorteile genießen.

- Eine Firmenkundenbank für den deutschen Mittelstand, der 3,5 Millionen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) betreut und 60 Prozent der Beschäftigung in Deutschland ausmacht. Der Mittelstand verlässt sich fast ausschließlich auf Bankkredite. Hier hat die Commerzbank ein einlagenstarkes, von Kundenbeziehungen geprägtes Geschäft mit geringen Ausfallraten aufgebaut, das sich nicht ohne Weiteres kopieren lässt.

- Ein Handelsfinanzierungshaus, das Akkreditive, Dokumenteninkassoverfahren und Bankbürgschaften für deutsche Exporteure bereitstellt, die häufig ebenfalls dem Mittelstand angehören. Als gebührenorientiertes, kapitalintensives Geschäft, das eng an das deutsche Exportvolumen gekoppelt ist, nimmt die Commerzbank hier eine marktbeherrschende Stellung ein.

- Über die BRE Bank baute sich die Commerzbank eine bedeutende Präsenz im polnischen Privatkundengeschäft auf. Später entwickelte sich daraus die digital ausgerichtete Privat- und Firmenkundenbank mBank. Sie zählt zu den innovativsten und profitabelsten Banken in Mitteleuropa und war in den 2010er-Jahren lange Zeit der einzige Teil der Commerzbank, der Renditen über seinen Kapitalkosten erwirtschaftete.

In finanzieller Hinsicht wurde die Commerzbank fast vollständig vom Nettozinsergebnis (NII) abhängig – der Spanne zwischen dem, was sie Einlegern zahlt, und dem, was sie mit Krediten einnimmt. Von etwa 2014 bis 2021 war die Negativzinspolitik der EZB eine existenzielle Bedrohung für die Bank: Das Aufwands-Ertrags-Verhältnis verschlechterte sich in dieser Phase drastisch – zeitweise auf über 80 Prozent –, da die Erträge einbrachen, während die durch die Mitbestimmung geschützte Kostenbasis nur langsam gesenkt werden konnte. Das Zinsumfeld erwies sich jedoch auch als Rettung für die Commerzbank. Die steigenden Zinsen zwischen 2022 und 2025 ließen ihr Nettozinsergebnis stark steigen, was sie zu einem attraktiven Übernahmeziel machte.

Parallel zum Wiederaufstieg der Commerzbank vollzog sich eine Reihe von Schritten, die den staatlichen Anteil reduzierten. Durch eine 2013 durchgeführte Kapitalerhöhung, an der sich der Bund nicht beteiligte, wurde dessen Anteil in den Mitte-2010er-Jahren auf 17 Prozent verwässert. Bis 2024 pendelte sich die Beteiligung des Bundes, die über den Finanzmarktstabilisierungsfonds (FMS) gehalten wurde, bei 16,49 Prozent ein.

Davon wurden 4,49 Prozent – rund 53,1 Millionen Aktien – im September desselben Jahres im Rahmen eines marktüblichen, beschleunigten Platzierungsverfahrens von der Regierung verkauft, um von einer jüngsten Marktrallye zu profitieren. Die Regierung erlöste knapp 702 Millionen Euro, nachdem das gesamte Paket der UniCredit Group zugeteilt worden war, die mit 13,20 Euro pro Aktie fast fünf Prozent mehr als den täglichen Schlusskurs geboten hatte. Gleichzeitig gab UniCredit bekannt, zuvor bereits rund 4,5 Prozent über den freien Markt erworben zu haben, wodurch sich ihr Gesamtanteil auf neun Prozent erhöhte. Das überrumpelte Berlin fror den Verkauf des verbleibenden staatlichen Anteils von zwölf Prozent als De-facto-Sperrposition ein.

Die Ambitionen der UniCredit


Vermutlich wurzelt das Interesse der UniCredit in ihrer Übernahme der HypoVereinsbank (HVB) im Jahr 2005. Die Firmen- und Investmentbank mit Hauptsitz in München und einer starken Privatkundenpräsenz in Bayern und Süddeutschland war damals nach einer Reihe von Verlusten aus der leichtsinnigen Finanzierung von Gewerbeimmobilien in Ostdeutschland in den 1990er-Jahren sowie in Österreich,  Mittel- und Osteuropa in den frühen 2000er-Jahren angeschlagen. Nach der Übernahme verblieb der HVB ein geschrumpfter Fußabdruck im Mittelstands- und Privatkundengeschäft.

Der Mittelstand könnte daher das eigentliche Ziel für UniCredit sein. Die Sparkassen-Finanzgruppe – Deutschlands Netzwerk aus über 500 öffentlich-rechtlichen, kommunalen Sparkassen – hält mit einer Bilanzsumme von 2,7 Billionen Euro, über 50 Millionen Kunden und 15.860 Filialen den mit Abstand größten Anteil an der Mittelstandsfinanzierung in Deutschland. Jede Sparkasse befindet sich im Besitz ihrer jeweiligen Kommune und pflegt nahezu monopolartige Beziehungen zu den lokalen KMU in ihrem Einzugsgebiet. Daneben steht das genossenschaftliche Bankennetz – rund 670 Volksbanken und Raiffeisenbanken, koordiniert über die DZ Bank –, das sich ebenfalls stark auf die Mittelstands- und Agrarfinanzierung konzentriert.

Unter den Wettbewerbern der Commerzbank hat sich die Deutsche Bank im vergangenen Jahrzehnt weitgehend in Richtung Großkonzerne, Multinationale und Investmentbanking orientiert, während sich HSBC auf die rund 750 größten Mittelstandskunden mit hohem internationalem Bedarf zurückgezogen hat. Unterdessen starten US-Banken – Bank of America, Citi und JPMorgan – eigene Vorstöße im europäischen Mid-Cap-Geschäft, wobei das Deutschlandgeschäft von JPMorgan bereits ein lokales Firmenkundenteam aufbaut und den Start einer App-basierten Privatkundenbank für Kontinentaleuropa vorbereitet. Damit bleibt die HVB die einzige andere Privatbank mit einem echten Mittelstandsgeschäft, das vor allem in Bayern und Süddeutschland verankert ist. Ein potenzieller Zusammenschluss von UniCredit und Commerzbank würde eine marktbeherrschende Stellung im privaten Sektor schaffen – einem Markt, der nach wie vor von den Sparkassen angeführt wird. Investorenpräsentationen der UniCredit beziffern die jährlichen Kostensynergien aus der Zusammenlegung der beiden deutschen Aktivitäten auf 1,5 bis 2,0 Milliarden Euro.

Darüber hinaus könnten die Kundeneinlagen der Commerzbank in Höhe von 290 Milliarden Euro genutzt werden, um höher rentierliche Vermögenswerte im europäischen Netzwerk zu finanzieren. Das bereits starke Geschäft der UniCredit in der italienischen und osteuropäischen Handelsfinanzierung würde durch das deutsche Handelsbuch der Commerzbank zu einer der führenden Handelsfinanzierungsplattformen Europas ausgebaut. Ein Zusammenschluss von UniCredit und Commerzbank mit einer Bilanzsumme von nahezu 1,5 Billionen Euro und Aktivitäten in über 18 Ländern könnte zudem zu einem europäischen Bankenchampion reifen, der mit Banken aus den USA und China um globale Mandate konkurrieren könnte.

Gründe zur Vorsicht

Täte man die deutsche Opposition gegen den Deal als rein irrational ab, ließe man die Komplexität staatlicher Bankenpolitik – und die damit verbundenen Sorgen – außer Acht.

Deutsche KMU arbeiten auf Basis von Beziehungsbanking-Modellen, die über Generationen gewachsen sind. Eine erhebliche wirtschaftliche Sorge besteht darin, dass eine im Ausland ansässige Führungshierarchie unter Margendruck systematisch zu wenig in das margenschwache KMU-Geschäft investieren könnte, um höher rentierliche Wholesale-Aktivitäten zu bevorzugen. Ein Paradebeispiel liefert UniCredit selbst: Nach 2005 sank der Marktanteil der HVB im Mittelstandsgeschäft in den Jahren nach der Übernahme durch UniCredit spürbar.

Die Weigerung der Bundesregierung, ihren verbleibenden Anteil zu verkaufen, kann auch als politischer Schritt gewertet werden. Auch hierfür findet sich ein Beispiel bei der HVB-Übernahme: Obwohl es sich um ein angeschlagenes Institut handelte, das sich bereits im Stellenabbau befand, beschleunigte die Übernahme diesen Prozess. 10.000 bis 12.000 Arbeitsplätze fielen der Filialbereinigung, der Back-Office-Konsolidierung und einer gezielten strategischen Verengung hin zu weniger personalintensiven Corporate- und Investment-Banking-Aktivitäten zum Opfer. Der Widerstand der Gewerkschaften Ver.di und IG Metall gegen die Commerzbank-Übernahme hat fast identische Gründe wie ihr Widerstand gegen die HVB-Übernahme im Jahr 2005.

Ein wesentlicher Faktor ist die Tatsache, dass die Commerzbank ein systemrelevantes Institut für die deutsche Wirtschaft ist. In Zeiten von Finanzkrisen hätte der deutsche Staat bei Fragen der Finanzsouveränität im Falle einer übernommenen Commerzbank weniger Hebelwirkung als bei einem Institut in privatem, inländischem Besitz.

Offener Konflikt

Nachdem UniCredit nach dem Aktienverkauf der Bundesregierung physisch einen Anteil von neun Prozent an der Commerzbank hielt, stockte sie ihre Position über Derivate auf insgesamt rund 20 Prozent der verbleibenden verfügbaren Aktien auf. Diese Derivate konnten nur mit aufsichtsrechtlicher Genehmigung physisch abgewickelt werden. Am 14. März 2025 erhielt UniCredit von der EZB die Genehmigung, eine direkte Beteiligung an der Commerzbank von bis zu 29,9 Prozent zu erwerben. Am 8. Juli 2025 wandelte sie rund zehn Prozent ihrer synthetischen Position in Commerzbank-Aktien um und erklärte, den Rest zu gegebener Zeit wandeln zu wollen.

Im Juni endete das 40-Milliarden-Euro-All-Share-Angebot (Tauschangebot) von UniCredit für die Commerzbank mit einer Warnung. Trotz einer Annahmequote von 11,86 Prozent der Commerzbank-Aktien – was die Gesamtbeteiligung unter Einbeziehung des bereits aufgebauten Aktienanteils von 26,77 Prozent und weiteren 3,2 Prozent in aktienbasierten Derivaten auf 41,8 Prozent brachte – wurde das Angebot von UniCredit am 16. Juni formell abgelehnt und auf den unter dem Marktwert liegenden Angebotspreis verwiesen. Die Commerzbank, die sich aktiv gegen die Übernahme wehrt, erklärte, ein erheblicher Teil der von UniCredit als angedient gemeldeten Aktien stamme von den Kontrahenten der Derivate, die UniCredit bereits halte. Dies führe zu einer „Doppelzählung“ von Positionen, die nicht als austauschbar betrachtet werden sollten. UniCredit bestreitet diese Vorwürfe und zeigte sich zuversichtlich, auf der nächsten Hauptversammlung der Commerzbank eine ausreichende Aktionärsunterstützung zu erhalten, um alle Aktionärsvertreter im Aufsichtsrat zu stellen.

Es wird erwartet, dass sich das Drama bis ins Jahr 2027 hinziehen wird, was in Italien zu Besorgnis über den Widerstand führt. Es ist jedoch anzumerken, dass die italienische Regierung selbst der UniCredit die Übernahme des inländischen Konkurrenten Banco BPM untersagt hatte, während diese den Vorstoß bei der Commerzbank unternahm. Somit sind die Vorstellungen von Souveränität und wirtschaftlicher Kontrolle in beiden Ländern identisch, doch die Rhetorik ändert sich, sobald man die Grenze überschreitet.

Auf deutscher Seite zeigt das Drama einen in jüngerer Zeit seltenen Schulterschluss: Regierung, Management und Arbeitnehmerschaft sind gleichermaßen gegen einen ausländischen Akteur verbündet. Ob diese Einheit auch angesichts einer unweigerlichen Intervention der Europäischen Kommission Bestand haben wird, bleibt abzuwarten.

 

Veröffentlicht am: 21.06.2026

AusdruckenArtikel drucken

LesenzeichenLesezeichen speichern

FeedbackMit uns Kontakt aufnehmen

FacebookTeile diesen Beitrag auf Facebook

Nächsten Artikel lesen

Vorherigen Artikel lesen

 

Neu:


 

 

 

 

Werbung

Werbung

 

 

 

Werbung

             

 

Besuchen Sie auch diese Seiten in unserem Netzwerk:
| Börsen-Lexikon
| Fotograf Fotomensch Berlin
| Geld & Genuss
| gentleman today
| genussmaenner.de
| geniesserinnen.de
| instock.de
| marketingmensch | Agentur für Marketing, Werbung & Internet
| Unter der Lupe

© 2024 by frauenfinanzseite.de, Groß-Schacksdorf. Alle Rechte vorbehalten.