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Donnerstag, 26. November 2020
   
 

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Das RCEP-Freihandelsabkommen dürfte Asien als Wachstumsmotor der Welt stärken

Sven Schubert, Senior Investment Strategist bei Vontobel Asset Management, im Gespräch

Inmitten des Handelskonfliktes zwischen den USA und China ist im Asien-Pazifik-Raum die bisher größte Freihandelszone der Welt entstanden.

Auf ein entsprechendes Abkommen haben sich am vergangenen Sonntag die Staats- und Regierungschefs von China, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland mit der südostasiatischen Staatengemeinschaft ASEAN geeinigt, zu der unter anderem aufstrebende Länder wie Laos, Thailand, Vietnam und Indonesien gehören. Die Freihandelszone, die insgesamt 15 Staaten und rund 30 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung umfasst, betrifft rund 2,2 Milliarden Menschen und übertrifft selbst das am 1. Februar 2019 in Kraft getretene Economic Partnership Agreement (EPA) zwischen der Europäischen Union und Japan, das 40 Prozent des Welthandels abdeckt.
 
Durch das nun unterzeichnete Freihandelsabkommen RCEP wird der Schwerpunkt der Weltwirtschaft weiter nach Osten verschoben. Für China bedeutet das Abkommen die Chance, seinen wirtschaftlichen Einfluss weiter auszubauen. Für Unternehmen aus den USA und Europa dürften sich dagegen die Wettbewerbsbedingungen in der Region erschweren.

Welche Auswirkungen das Abkommen auf die globale Wirtschaftsordnung haben könnte, erklärt Sven Schubert von Vontobel Asset Management

Dient das kürzlich unterzeichnete Freihandelsabkommen RCEP dem strategischen Bestreben Chinas, eine stärkere Grundlage für seine „One-Belt-One-Road“-Initiative zu schaffen und sich von der von den USA abhängigen globalen Handelslandschaft zu lösen?
Sven Schubert:
Ja und nein. China hat kürzlich auf seiner 19. Tagung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei seine strategischen Prioritäten für die nächsten fünf Jahre vorgestellt. Der Parallelumlauf (innen- und außenpolitisch) ist zur obersten Priorität geworden. Die inländische Zirkulation bedeutet, dass China den Binnenmarkt stärken will, indem es autark und weniger abhängig von Warenimporten wird, die für die chinesische Wirtschaft entscheidend sind. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China hat gezeigt, dass die chinesische Wirtschaft nach wie vor von Gütern wie der Halbleitertechnologie – China produziert hier nur 30 Prozent dessen, was es verbraucht – aus dem Ausland abhängig ist. Dies ist nur eine der Abhängigkeiten, die die Trump-Administration als Hebel gegen China eingesetzt hat.

Aber auch die externe Zirkulation ist Teil der Strategie. China wird für ausländische Investoren und Produzenten offen bleiben und seine Kapitalmärkte wahrscheinlich noch weiter liberalisieren. Im zweiten Quartal – nach starken Abflüssen in der ersten Hälfte – erreichten die asiatischen Kapitalzuflüsse (Aktien und Anleihen) ein Siebenjahreshoch. Dies ist zu einem guten Teil der Öffnung der chinesischen Finanzmärkte für Ausländer zu verdanken. Dieser Trend sollte sich in Zukunft weiter fortsetzen, da China künftig Kapital von ausländischen Investoren benötigen wird, um in der Wertschöpfungskette weiter nach oben zu klettern. Daher hat China ein großes Interesse daran, gute Handelsbeziehungen aufrechtzuerhalten, wird aber seine Abhängigkeit von für die Wirtschaft kritischen Gütern verringern wollen.


Könnte das RCEP den asiatischen Volkswirtschaften helfen, insbesondere den Mitgliedern der Schwellenländer, sich von der COVID-19-Pandemie zu erholen?
Sven Schubert:
Aus wirtschaftlicher Sicht ist dies eindeutig eine positive Entwicklung, da innerhalb der Region viel Handel betrieben wird. Ungefähr 40 Prozent der asiatischen Exporte bleiben in Asien. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die realwirtschaftlichen Auswirkungen des Abkommens bereits in naher Zukunft spürbar werden, da die Umsetzung zwar im Jahr 2021 beginnen soll, die Zollsenkungen wahrscheinlich aber erst im Jahr 2022 greifen werden. Die wirtschaftliche Erholung der Region kommt allerdings ohnehin, da viele asiatische Länder die Pandemie besser bewältigt haben als die Staaten Europas oder die USA.

Die Auswirkungen sind wahrscheinlich nicht nur wegen des beträchtlichen intraregionalen Handels erheblich, sondern auch, weil sich die Lebensstandards in den jeweiligen Ländern voneinander unterscheiden. So haben wir Länder mit niedrigem (Myanmar, Kambodscha, Laos, Vietnam und Philippinen), mittlerem (Indonesien, Thailand, China und Malaysia) und hohem Einkommen (Brunei, Südkorea, Japan und Singapur) in der Union. Die Umstrukturierung von Versorgungsketten dürfte zudem einen neuen Schub erhalten, womit einige Produktionsstätten aus China in andere südostasiatische Länder verlagert werden könnten. Alles in allem dürfte sich daher das Abkommen beflügelnd auf die Stimmung der Investoren auswirken und Asien als Wachstumsmotor der Welt stärken.


Große Volkswirtschaften wie Indien und die USA sind nicht am RCEP beteiligt. Bedeutet das, dass China bei der Festlegung der Bedingungen wesentlich mehr Macht haben wird?
Sven Schubert:
Indien hat sich nicht beteiligt, obwohl es das Land mit den zweithöchsten Zöllen weltweit (9,5 Prozent Durchschnitt des WTO- und Weltbankindexes) und den höchsten Zöllen im Handelsblock gewesen wäre. Es wäre somit gezwungen gewesen, diese Zölle zu senken. Allerdings haben die Spannungen zwischen China und Indien im Jahr 2020 zugenommen. Der Grenzkonflikt forderte auf beiden Seiten Menschenleben und Indien verbannte TikTok von seinem Inlandsmarkt. Aufgrund dieser Spannungen und der höheren Zölle hätte eine indische Beteiligung die Zollsenkungen wahrscheinlich verlangsamt.

Die Nichtteilnahme der USA stärkt eindeutig die Verhandlungsmacht Chinas. Aus wirtschaftlicher Sicht wäre eine US-Beteiligung jedoch ein klares Signal für eine Lockerung des Handelskonfliktes zwischen China und den USA gewesen, weshalb eine US-Beteiligung für China in wirtschaftlicher Hinsicht von Vorteil gewesen wäre.


Was bedeutet das RCEP für die Handelsspannungen zwischen den USA und China – könnte es Teil der Strategie Chinas sein, einen stärkeren Einfluss im Welthandel zu gewinnen?
Sven Schubert:
Eher nicht. Seit einem Jahrzehnt besteht Chinas Strategie darin, seine Exportabhängigkeit zu verringern und den Binnenmarkt zu stärken. Und in der Tat wurde China in den letzten Jahren weniger abhängig von Exporten insgesamt und in die USA. Zwischen 2006 und heute sind die chinesischen Exporte, gemessen am BIP, von 36 Prozent auf 19 Prozent des BIP zurückgegangen. Im gleichen Zeitraum gingen die Exporte in die USA von 7 Prozent des BIP auf 3 Prozent zurück.

Auf der anderen Seite bedeutet die chinesische Politik des „doppelten Umlaufs“, dass China sich stärker öffnen will, um ausländische Investoren anzuziehen („externer Umlauf“). Indem ausländischen Investoren Zugang zum chinesischen Markt gewährt wird, ist China besser vor ausländischen Sanktionen geschützt. Die Technologieindustrie ist ein gutes Beispiel. Da China einer der wichtigsten Exportmärkte für US-amerikanische Technologieunternehmen ist, wird jede Beschränkung von US-Behörden für US- Technologieexporte nach China auch dem US-Unternehmenssektor schaden. Daher hat China ein großes Interesse daran, seine Wirtschaft in den nächsten Jahren für ausländische Investoren und Produzenten weiter zu öffnen.


Es gibt Spekulationen, dass die USA nach dem Amtsantritt von Joe Biden wieder der Trans-Pacific-Partnership (TPP) beitreten könnten. Könnte ein solcher Schritt die Machtverhältnisse zwischen den USA und China in der Region wieder kippen?
Sven Schubert:
Das ist richtig. Joe Biden könnte versuchen, die TPP neu zu verhandeln. Und China würde sich wahrscheinlich über Verhandlungen mit den USA im Allgemeinen freuen. Der Handelskrieg hat jedoch die Einstellung Chinas zu den Handelsbeziehungen mit den USA verändert. China will nach wie vor gute Handelsbeziehungen mit den USA, aber nicht um jeden Preis. Deshalb wird China seine Abhängigkeit von den USA in Zukunft weiter verringern wollen. Die Handelsspannungen mögen unter Joe Biden nachlassen, aber es ist unwahrscheinlich, dass sich der Trend der Verlagerung des wirtschaftlichen Gravitationszentrums in Richtung Asien ändern wird. Dies bedeutet jedoch nicht, dass China die wirtschaftliche und finanzielle Vormachtstellung der USA in diesem Jahrzehnt brechen kann. Die Tiefe der US-Finanzmärkte, die militärische Dominanz der USA und die Bedeutung des US-Dollars sind Schlüsselfaktoren im Kampf um die Vorherrschaft. Darüber hinaus ist das Vertrauen globaler Investoren in US-Institutionen wahrscheinlich immer noch viel höher als in chinesische Institutionen. Selbst die Präsidentschaft Donald Trumps konnte das nicht beeinträchtigen.

 


Veröffentlicht am: 19.11.2020

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