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Dienstag, 2. Juni 2026
   
 

Europas Halbleiterindustrie rückt ins Zentrum des KI-Booms

... von Enguerrand Artaz, Stratege bei LFDE



Die KI-Revolution beflügelt weiterhin die Märkte und stützt das Wirtschaftswachstum. Anleger haben jedoch nach und nach ihren Investmentfokus in diesem Bereich verlagert. Vorbei sind die Zeiten der Technologiegiganten – der berühmten „Magnificent Seven“ –, die jahrelang hoch im Kurs standen. 
 

Nun sind ihre Zulieferer an der Reihe, insbesondere jene aus den Segmenten Halbleiter und Speicher. Das beflügelt den rasanten Höhenflug am südkoreanischen Markt mit Unternehmen wie Samsung oder SK Hynix. Auch ehemalige Marktführer wie Intel erleben eine Renaissance: Dessen Aktienkurs schoss innerhalb eines Jahres um fast 500 % in die Höhe. Doch im Schatten der amerikanischen und asiatischen Champions bricht eine weitere Gruppe Rekorde: die europäischen Halbleiterhersteller.

Neue Wachstumstreiber entlang der KI-Wertschöpfungskette

Mit einem Anstieg von 127 % seit Jahresbeginn stellt der Stoxx Europe Total Market Semiconductors den amerikanischen Konkurrenten Philadelphia Semiconductor oder SOX[1], mit seinen 81 % mühelos in den Schatten. Innerhalb des europäischen Index gibt es sogar noch beeindruckendere Wertentwicklungen. Hat Ihnen der koreanische SK Hynix mit seinen +246 % seit Jahresbeginn gefallen? Dann werden Sie den französischen Soitec mit seinen +758 % lieben! Samsung legt in diesem Jahr um fast 150 % zu. Demgegenüber stieg STMicroelectronics, ein französisch-italienischer Konzern, sogar um mehr als 167 %.

Diese Wertentwicklungen sind jedoch trügerisch und weniger eine wundersame Entdeckung als vielmehr ein kräftiger Aufholprozess. Bevor STMicroelectronics Ende letzten Jahres wieder in die Gunst der Anleger zurückkehrte, war der Kurs seit den Höchstständen im Sommer 2023 um mehr als 60 % eingebrochen, belastet durch das starke Engagement in der schwankenden Automobilbranche. Noch schwerer wiegt die Last für Soitec, dessen Kurs seit seinem Höchststand im Jahr 2021 um 90 % eingebrochen war – vor dem Hintergrund sinkender Bewertungen und den Folgen hoher Lagerbestände bei den Kunden. Die Märkte haben also nicht plötzlich übersehene Perlen des alten Kontinents entdeckt. Vielmehr wurden Aktien, die beinahe abgeschrieben schienen abrupt und vielleicht übertrieben stark neu bewertet, nachdem Anleger erkannten, dass Teile ihres Geschäfts für den Ausbau künstlicher Intelligenz von zentraler Bedeutung sind.

STMicroelectronics und Soitec sind wieder gefragt

Bei STMicroelectronics verdeckt der jüngste Aufschwung nicht die bestehenden Herausforderungen bei Margen und der Abhängigkeit vom Automobilzyklus. Dennoch gelten optische Konnektivität, Leistungsumwandlung und Komponenten für die thermische Infrastruktur als wichtige Wachstumstreiber. Diese Technologien ermöglichen es Rechenzentren, effizienter zu kommunizieren, zuverlässiger mit Energie versorgt zu werden und ihren Stromverbrauch besser zu steuern. Noch deutlicher zeigt sich das Potenzial bei Soitec. Kurzstreckenverbindungen innerhalb von Rechenzentren – zwischen Servern, Karten, GPUs und Speichern – erfolgen bislang überwiegend elektrisch.  Aus Gründen der Energieeffizienz, der höheren Datenübertragung und zur Begrenzung von Überhitzungsgefahren könnten sie jedoch zunehmend durch optische Verbindungen ersetzt werden. In einem solchen Szenario wäre Soitec am Anfang der Wertschöpfungskette, dank seines technologischen Vorsprungs bei photonischen Substraten[2], die als  Schlüsselkomponenten für diese optischen Verbindungen gelten.

Europas unterschätzte Rolle in der KI-Infrastruktur

Auch andere europäische Unternehmen spielen in dieser Entwicklung eine wichtige Rolle. Das deutsche Unternehmen Infineon etwa liefert Leistungschips, die Energieversorgung von Rechenzentren effizienter und besser steuerbar machen. BE Semiconductor aus den Niederlanden wiederum ist auf die Optimierung der Chip- und Speicherbestückung spezialisiert und trägt damit dazu bei, Energieverbrauch zu senken und Datendurchsatz zu steigern. Auch wenn europäische Technologiewerte in den großen Börsenindizes oft im Schatten ihrer amerikanischen oder asiatischen Pendants stehen, müssen sie den internationalen Vergleich nicht scheuen.

Die Börsengeschichte der Künstlichen Intelligenz wurde lange Zeit von einer kleinen Gruppe von Anlegerlieblingen geprägt. Inzwischen setzt sich jedoch die Erkenntnis durch, dass die Halbleiterindustrie, auf der das Wachstum der KI beruht, weitaus komplexer ist und zahlreiche kritische Abhängigkeiten mit sich bringt. Im Jahr 2026 entdeckt der Markt neu, dass viele dieser Schlüsselstellen nach wie vor in Europa liegen.

 

Veröffentlicht am: 02.06.2026

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